Hamburg:Trickbetrüger bringen Rentner um Millionen

Telefonhörer

Immer wieder schlüpften die Hintermänner in die Rolle von Polizisten, für Kontrollanrufe.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Marcin K. gilt als wichtiger Hintermann einer internationalen Bande aus Trickbetrügern, die sich ein Millionen-Vermögen ergaunert hat.
  • Die Staatsanwaltschaft legt K. Betrug nach der sogenannten Enkeltrick-Masche in 43 Fällen zur Last.
  • Der Prozess ist auf 69 Termine angelegt, der letzte soll im Dezember stattfinden.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Der Angeklagte hat drei Namen: Marcin K., Jeff O., Marek N. Er hat auch drei verschiedene Geburtsdaten und verschiedene Geburtsorte: Als Marcin K. ist er 29 Jahre alt und in Warschau zur Welt gekommen. Als Jeff O. ist er ein 30-jähriger Hamburger. Als Marek N. wurde er am 1. Mai 1983 geboren, wahlweise in Warschau oder Chicago. So steht es auf der Terminrolle zu seinem Prozess. Und daran sieht man schon, dass dieser schlanke, elegante Mann, der im großen Saal 337 des Landgerichts Hamburg vor einer ganzen Mannschaft aus Richtern sitzt, ein Leben mit mehreren Wirklichkeiten führte, ehe die Polizei ihn im vergangenen Sommer in Budapest festnahm.

Aber jetzt ist er hier. Die Staatsanwaltschaft legt ihm Betrug nach der sogenannten Enkeltrick-Masche in 43 Fällen zur Last, und die vielen Figuren, die er immer vorgab zu sein, müssen verschwinden in der einen Person, die er tatsächlich ist.

Marcin K. gilt als wichtiger Hintermann einer internationalen Bande aus Trickbetrügern, die sich in den vergangenen Jahren ein Millionen-Vermögen ergaunert hat und immer noch ihr Unwesen treibt mit einer kriminellen und außerordentlich hinterhältigen Art des Telefonstreichs.

Immer wieder entwischte Marcin K. bei Razzien

Marcin K. war in seinen Kreisen eine ziemlich große Nummer, beliebt, verehrt, ein sehr gut gekleideter, keineswegs unbescheidener Lebemann. Die Polizei suchte ihn lange, immer wieder entwischte er bei Razzien; in Warschau floh er einmal sogar über die Dächer wie bei einer Film-Verfolgung. Dass seine Freunde ihn "Lolli" nennen, wirkt zu niedlich, wenn man bedenkt, wie skrupellos das Netzwerk aus Roma-Familien vorgeht, dem er angehören soll. Gleichzeitig ist sein Geschäft, mit dem er laut Anklage allein in den 43 vorliegenden Fällen zwischen November 2011 und Mai 2014 insgesamt 290 000 Euro von älteren Menschen in Deutschland und Luxemburg erbeutet haben soll, so schlicht und frech, dass Vertreter des raffinierten Betrugs darin eigentlich eine Beleidigung ihrer kriminellen Kompetenz sehen müssten.

Die Enkeltrick-Masche ist mittlerweile ein feststehender Betgriff unter Verbrechensbekämpfern und wegen ihres Erfolges so leicht nicht auszulöschen. Sie soll in den Neunzigerjahren in Hamburg von Arkadiusz "Hoss" L. erfunden worden sein, dem Vater von Marcin "Lolli" K. Sie läuft im Grunde immer gleich ab und funktioniert klassischerweise als Teamarbeit zwischen einem Anrufer oder Keiler, einem Logistiker und einem Abholer.

Der Keiler ruft bei alten, idealerweise schwerhörigen Menschen an und sagt, ohne sich vorzustellen: "Rate mal, wer dran ist." Meistens identifizieren die alten Menschen die Stimme dann mit einem Bekannten oder Verwandten. Sie sagen dessen Namen, der Keiler macht diesen zum Teil seiner Legende und kommt bald auf den Punkt: Er brauche Geld für einen Immobilienkauf, ähnliche Geschäfte oder eine Notlage. Wenn die Alten einwilligen, organisiert der Logistiker die Geldübergabe und setzt dafür den Abholer ein.

Laut Anklage steckte nicht mal viel Fantasie in den erfundenen Namen

Marcin K. ist in dieser Hinsicht tatsächlich ein würdiger Vertreter seiner Zunft. Das ist am Mittwoch in Hamburg beim Auftakt der Hauptverhandlung schnell klar geworden. Eine Vertreterin und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft verlasen detailreich das Geschehen bei jedem einzelnen der 43 Fälle. Sie zeigten die perfide Energie, mit denen Marcin K. seine Opfer als Schwiegersohn Bernd, Enkel Sönke oder Freund Rainer zu größeren finanziellen Hilfen überredet und ab und zu sogar Schmuck oder andere Wertgegenstände eingefordert haben soll, wenn nicht genügend Bares vorhanden war. Laut Anklage steckte nicht mal viel Fantasie in den erfundenen Namen: Zur Abholung erschien zum Beispiel immer wieder ein vermeintlich echter Notariats-Mitarbeiter Schmidt; die Opfer konnten sich vor der Geldübergabe vom Keiler telefonisch bestätigen lassen, dass ihr Gegenüber vertrauensselig sei. In 16 Fällen kamen die Betrüger durch.

In den übrigen 27 gingen die Täter leer aus. Immer wieder brachen Marcin K. und seine Kollegen ihre Manöver ab, weil die horrenden Geldwünsche die Opfer selbst oder deren Umfeld misstrauisch machten - oder weil es aufmerksamen Bankangestellten nicht geheuer war, dass ihre betagte Kundschaft plötzlich fünfstellige Beträge abbuchte. Enkeltrickbetrüger haben scheinbar sensible Sensoren dafür, wie hoch das Risiko ist, erfolgreich zu sein. Bei einer 94-Jährigen brachen sie den zunächst verheißungsvollen Versuch ab, weil klar wurde, dass die Dame wegen ihrer leichten Altersdemenz das Geld nicht würde beschaffen können. Außerdem gab es Kontrollanrufe in der Rolle von Polizisten, um nach vermeintlichen Kollegen zu fragen und so herauszufinden, ob die Opfer die Polizei gerufen hätten.

Auf 69 Termine ist der Prozess angelegt, der letzte soll im Dezember stattfinden. Alle 43 Fälle brauchen eine vernünftige Beweisführung, das dauert. Wer den Prozess verfolgt, dürfte ein anschauliches Lehrstück erleben darüber, wie Arglosigkeit zum Opfer schrankenloser Gier wird - und wie wichtig Misstrauen manchmal ist, wenn man sein Erspartes bewahren will.

Und Marcin K. alias Jeff O. alias Marek N. alias Lolli? Der macht vorerst von seinem Recht Gebrauch, vor Gericht nichts zu sagen. Von ihm ist derzeit nur eine Einlassung überliefert: Nach seiner Festnahme hat er in einem Beitrag von Spiegel TV der Öffentlichkeit die vier dürren Worte "Ich hab' nix getan" hingeworfen. Aber aus welcher seiner vielen Wirklichkeiten die kamen, war damals nicht ganz klar.

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