bedeckt München 15°
vgwortpixel

Hamburg:... denn sie wissen nicht, was sie tun

Michel Ruge lebte mit seiner Hamburger Initiative "Gangs United" den Traum, ehemals verfeindete Straßenkämpfer friedlich zusammenzubringen. Doch jetzt ist Schluss.

Toleranz. Wenn Michel Ruge dieses Wort schon hört, dann lodert in ihm die Wut. "Das Wort kannte ich damals gar nicht. Das war für uns eine Selbstverständlichkeit." Ruge, 48, Schauspieler, Buchautor, Lebenskünstler, redet sich gerade in Rage. Toleranz! Auf St. Pauli nahe der Hamburger Reeperbahn ist er aufgewachsen. Als Kind hat er hier schon die Vielfalt des Lebens kennengelernt, lauter Leute, auf die man in bürgerlichen Kreisen missbilligend herabschaute. Transvestiten, Nutten, Ausländer. Er liebte das Flair, das sich aus dieser Vielfalt ergab, Toleranz war sozusagen in der Luft, die er atmete.

Früher bekämpften sie sich bis aufs Blut. Heute vereint sie der unverstellte Blick zurück

Und jetzt soll er angeblich Leuten ein Forum bieten, die vor allem Hass auf Fremde in sich tragen? Seine Initiative "Gangs United", die seit drei Jahren frühere Straßenkämpfer zusammenbringt, bekommt Gegenwind von links außen, weil unter besagten Kämpfern auch Ex-Nazis sind. Bei Ruge und seinen engsten Mitstreitern wächst die Befürchtung, dass diese Stimmen Aggressionen schüren, die den Frieden stören könnten. Am Sonntag haben sie sich deshalb auf das Ende der Initiative geeinigt. "Wir wollen keine neuen Kriegsschauplätze eröffnen." Ruge ist traurig.

Michel Ruge erlebt gerade ein Lehrstück über das Wesen des Extremismus, der so festgefahren ist, dass er keine Läuterung gelten lässt. "Gangs United", 2017 vom örtlichen Bürgerverein mit dem "St.-Pauli-Urgestein"-Preis ausgezeichnet, ist die späte Vereinigung von alten Feinden. Ein Altvorderen-Club wie Sport-Veteranen ihn gerne gründen, um mit den einstigen Gegnern selige Wettkampf-Erinnerungen auszutauschen? Das klingt Ruge zu lieblich. "Das sind Kriegsveteranen", sagt er. Er überlegt. "Gang-Veteranen." Das trifft es besser.

In Ruges Jugend waren Gangs der Ausdruck verschiedener Subkulturen in Städten wie Hamburg. Die Inspiration kam vom Kinofilm "Warriors", der von blutigen Straßenkämpfen in New York erzählte. Jugendliche, die sich gegen den Mainstream auflehnen wollten, taten sich zu Freundeskreisen zusammen, die Partys feierten, Blödsinn machten und sich gegenseitig immer wieder handfeste bis brutale Auseinandersetzungen lieferten. Der Zusammenhalt innerhalb der Gangs war mächtig, die Feindschaft zu den anderen auch. Mancher Gang-Junge geriet auf die schiefe Bahn. Andere ließen sich von rechtsradikalen Menschenfängern einnehmen. Ruge kam mit 13 dazu. Er gehörte zwei Gangs an, die hauptsächlich aus Türken bestanden und gegen Nazis kämpften, den "Champs" und den "Breakers". "Wir haben unsere Adoleszenz da ausgelebt. Es war toll, und es sind auch schlimme Sachen passiert." Er will die Zeit nicht besser reden, als sie war. Aber verleugnen will er sie auch nicht.

Da war die Welt noch in Ordnung: Im vergangenen September trafen sich die Mitglieder von „Gangs United“ noch auf der Hamburger Reeperbahn.

(Foto: Jasmin Taiebi)

2015 stieß er auf Bilder von früher und dachte wehmütig an die alte Zeit. Er gründete die Facebook-Gruppe Gangs United. Schon nach zwei Tagen hatten sich 80 alte Gang-Mitglieder gemeldet, nach zwei Wochen 500, bald waren es 1000. Die Idee für ein Treffen kam auf. Ruge organisierte es an der Reeperbahn. Er war nervös. "Ich wusste nicht, was passieren würde." Er wusste nur, dass unter den Gästen auch Leute waren, die sich früher handgreiflich bekämpft hatten, im Gefängnis saßen, Zeugen tödlicher Schlägereien waren.

"Und dann war es toll", sagt Ruge. Die Party begann mit einer Schweigeminute für die Opfer der Gang-Kämpfe. "Danach sind sich die Leute in die Arme gefallen, es war, als wäre ein Riesenknoten geplatzt." Drei Gangs-United-Treffen hat es seither gegeben, das letzte Anfang September 2017 im Albers-Eck mit 500 Leuten. "Alle Treffen liefen ohne jegliche Gewalt ab", sagt Ruge. "Es waren Sinti und Roma da, Armenier, Türken, Griechen, Kurden, Deutsche." Auf Fotos wirkt die Gruppe wie ein lustiger Haufen aus gealterten schweren Jungs und ergrauten Individualisten.

Dann kam die Kritik. Von Rechtsradikalen hörte Ruge, dass sie die Gangs-United-Leute als "Gang-Affen" verspotteten. Und das linksautonome Portal Indymedia beschrieb Gangs United als Forum von Rechtsradikalen. Ruge war entsetzt. "Da kommen Leute und setzen sich über extreme Meinungen hinweg - und dann das."

Robert Schulte versteht das auch nicht. Schulte heißt in Wirklichkeit anders. Seit bald 30 Jahren, seit dem Staatskunde-Unterricht im Rahmen seines Wehrdienstes, weiß er, dass er als Jugendlicher einer falschen Ideologie hinterherrannte. Aber seine Neonazi-Vergangenheit in den Hamburger Gang-Kriegen könnte ihm in seinem bürgerlichen Beruf immer noch Schwierigkeiten bereiten. Schulte war ein Jugendlicher, der sich von Älteren hineinziehen ließ in eine Nachfolgeorganisation der verbotenen neonazistischen Aktionsfront Nationaler Sozialisten. "Das war anfangs ein Sport", sagt er. Saufen und Ausländer-"Klatschen". Nachdenklich wurde er erst, als es bei Nazi-Prügeleien Tote gab. Schulte erinnert sich an einen schlimmen Dezember-Abend 1985. Er war bei einem Skinhead-Treff am S-Bahnhof Landwehr, von dem aus 30 Skinheads drei junge Türken jagten. Einen erwischten sie und erschlugen ihn. Ramazan Avci war damals eines der ersten Todesopfer rechtsradikaler Gewalt, sein Sterben steht bis heute symbolisch für die fatale Menschenfeindlichkeit neonazistischer Verbindungen. Die Gangs-United-Schweigeminute galt auch ihm.

Auch Michel Ruge trug einst Konflikte auf der Straße aus.

(Foto: Paul Schirnhofer/Agentur Focus)

Heute sagt Schulte: "Meine Jahre als Nazi waren verschwendete Zeit." Gangs United brachte ihm die Chance, seine Irrtümer noch klarer zu sehen und die Scheu vor den alten Gegnern abzulegen. Er war bei einem der Gangs-United-Treffen. "Das war magisch", sagt er, "selbst bei Leuten, bei denen man dachte, es kann nicht funktionieren, hat es funktioniert." Opfer gingen auf Täter zu. Einsicht regierte, Freundschaften entstanden. Schulte trifft sich seither mit einem früheren Gang-Türken regelmäßig zum Teetrinken. "Früher war das so: Ich lege ihn oder er legt mich. Heute schätze und liebe ich diesen Menschen."

Die Initiative ist nun Vergangenheit. Die Freundschaften aber bleiben

Michel Ruge sagt: "Durch diese Gruppe sind die Berührungsängste verloren gegangen." Für ihn ist sie ein Erfolg. Umso mehr trifft ihn die Kritik von links außen. Mit Statuten und Rauswürfen haben er und seine Mitstreiter versucht sicherzustellen, dass die Initiative wirklich eine Chance für Geläuterte wird, keine Bühne für neue Feindlichkeit. Und den Friedlichen mag er nicht ewig ihre früheren Taten vorwerfen - selbst, wenn er ihre Haltungen immer noch grenzwertig findet. "Wenn wir diesen Leuten nicht die Chance geben, ein guter Mensch zu werden, dann werden sie immer mehr ins Abseits rutschen."

Trotzdem. Ende. Michel Ruge fürchtet, dass zum nächsten Treffen gewaltbereite Extremisten kommen, und weil die Gang-Veteranen immer noch wissen, wie man sich wehrt, könnte die Party dann bald keine Party mehr sein. "Extremisten leben von Feindbildern. Wir wollen ihnen nicht als Feindbilder dienen", sagt Michel Ruge. Deshalb soll jetzt Schluss sein. Immerhin, es gibt einen Trost. Die Freundschaften, die aus der Initiative hervorgegangen sind, bleiben. Der Ex-Nazi Schulte wird demnächst wieder Tee trinken bei dem Türken, der früher sein Feind war.

© SZ vom 05.03.2018
Zur SZ-Startseite