Coronavirus im Museum:Wenn Klopapier zum Ausstellungsstück wird

Corona Museum

Ein Plakat für das Spiel FC St. Pauli gegen Nürnberg änderten Künstler zum Duell "FC Welt vs. Corona".

(Foto: Peter Burghardt)

Das Museum für Hamburgische Geschichte hat begonnen, Artefakte aus der Corona-Pandemie zu sammeln. Aber welche Gegenstände können den Wahnsinn dieser Zeit am besten illustrieren?

Von Peter Burghardt, Hamburg

Das Virus wartet gleich hinter der Tür. "Unser optisches Highlight", sagt Sönke Knopp, Corona steht groß wie ein Mensch in der Ecke seines Büros im Museum für Hamburgische Geschichte. Das Thalia Theater hat ihm das kugelförmige Stück inklusive Bauplan und Schenkungsurkunde überlassen - schön gepolstert mit blauem Schaumstoff, die Stacheln aus einer Art Badezimmerteppich.

Corona sollte eigentlich bei einer Aufführung zum Einsatz kommen, es war witzig gemeint, ehe man merkte, dass es vielleicht doch nicht witzig ist, und auf den Bühnengebrauch verzichtete. Stattdessen landete das Virus aus der Werkstatt in der Asservatenkammer von Sammler Knopp.

Corona Museum

War eigentlich als lustig gemeintes Requisit im Thalia Theater gedacht: ein Corona-Virus aus Schaumstoff.

(Foto: Burghardt)

Im Grunde ist ja die ganze Welt eine Ausstellung, vor allem in diesen Zeiten. Radelt man zum Beispiel von Norden her auf dieses Gebäude am Park Planten un Blomen zu, so passiert man Messehallen, in denen bei den G 20 Trump und Putin tagten und gegenwärtig das Impfzentrum untergebracht ist. Oder ein Lokal im Schanzenviertel, vor dem statt Menschen Puppen auf der Terrasse sitzen. Das famose Museum für Hamburgische Geschichte aber hat begonnen, möglichst alles zu lagern, was Phänomene dieser seltsamen Epoche für nachkommende Generationen illustrieren könnte.

Aus der Theaterwelt stammt auch ein Abstandhalter von Schauspieler Markus John aus dem Schauspielhaus, er hält andere Akteure je 75 Zentimeter auf Distanz. Da auch Nebenleute so ein Korsett tragen, sind es ordnungsgemäße 1,50 Meter.

Corona Museum

Dieses Korsett soll für den nötigen Abstand zwischen Schauspielern sorgen.

(Foto: Burghardt)

Der Kulturwissenschaftler Knopp plant mit diesen und anderen Objekten keine akut bevorstehende Sonderschau der Corona-Kuriositäten - die Hamburger Museen sind nach kurzer Öffnung eh wieder geschlossen, im Foyer wurde der Shop mit Staubschutz abgedeckt. "Es ist erst mal ein Sammlungsprojekt", sagt er. Außerdem wütet die Seuche bedauerlicherweise weiter.

Als sie im Frühling 2020 in Deutschland an Fahrt aufnahm, hatte Sönke Knopp gerade seinen neuen Job angetreten. Er merkte schnell, dass gelebte Historie konserviert werden muss und sicherte mit seiner Kollegin Anna Symanczyk Material. Allein die Masken. Knopp öffnet eine seiner Kisten. Die einfachen Exemplare, dann Designermodelle mit Firmenlogos. "Man hat es schon fast wieder vergessen, es gab ja erst keine Masken", sagt der Kurator, er trägt FFP2.

Oder Klopapier. Auf dem Tisch stehen Packungen einer polnischen und einer italienischen Marke. Entdeckt in Hamburger Supermärkten, obwohl sie gemäß der Aufschrift kaum für den deutschen Markt bestimmt gewesen waren.

Corona Museum

Toilettenpapier aus einem deutschen Supermarkt, das eigentlich nicht für den deutschen Markt bestimmt war.

(Foto: Burghardt)

Sönke Knopp hätte auch nicht gedacht, dass er als Kurator einmal Klopapier aufheben müsste, um deutsche Panik während einer Pandemie zu dokumentieren.

Werden Restauratoren dereinst die Plastikverpackungen der Rollen vor dem Verfall retten müssen? Der Bestand soll lange halten, vielleicht werden ausgewählte Artefakte erst in Jahrzehnten ausgestellt und noch in einem guten Jahrhundert besichtigt. So wie heutzutage die erstaunlich aktuellen Erinnerungen an Hamburgs Cholera-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts drunten im Archiv und in den Vitrinen derzeit menschenleerer Museumssäle.

Sönke Knopp erzählt, wie damals ein gewisser Robert Koch nach Hamburg kam, um Maßnahmen zu empfehlen. Daraufhin senkte sich die Krankheitskurve. Knopp speichert auch den Corona-Ticker des NDR und bewahrt einen transparenten Mikro-Überzieher des Senders auf. Zu den gewichtigsten Fundstücken gehört das alte Schloss der Absturzkneipe Elbschlosskeller auf dem Kiez, wegen Corona vorübergehend dicht. Knopp holte es ab.

Coronavirus im Museum: Steht symbolisch für die geschlossenen Kneipen und Clubs: Das Türschloss der Absturzkneipe Elbschlosskeller auf dem Kiez in Hamburg.

Steht symbolisch für die geschlossenen Kneipen und Clubs: Das Türschloss der Absturzkneipe Elbschlosskeller auf dem Kiez in Hamburg.

(Foto: Burghardt)

In einer Schachtel liegt ein Plakat der Millerntor Gallery aus dem Stadion um die Ecke, das ursprünglich auf ein Match des FC St. Pauli gegen den 1. FC Nürnberg hinweisen sollte. Der Sonderdruck wurde angesichts der erstmaligen Absage eines Hamburger Fußballspiels wegen Viren von Künstlern so umgestaltet: "FC Welt vs. Corona."

Sönke Knopp erinnert daran, dass selbst im Krieg in Hamburg bis April 1945 Fußball gespielt wurde. Oder der Zettel einer Gemeinde, die mit Verweis auf die Landesverordnung vom 20. März 2020 verkündet, dass touristische Reisen nach Schleswig-Holstein verboten seien. Da müsse man in der Stadtgeschichte weit zurückgehen, sagt Knopp, um Regeln zu finden, wonach man die Stadtgrenze nicht überschreiten dürfe.

"Clubs verlegen Konzerte ins Internet"

Eigentlich, meint er, müsste man auch den Wortschatz aufbewahren, das Corona-Alphabet. Aber er findet so oder so genug. Ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel, das aussieht wie ein Kurzer, ganz im Sinne von Donald Trump könnte man sagen. Knopps eigene Dauerkarte aus der Elbphilharmonie, wegen Schließung unbenutzt. Eine Collage mit Ratschlägen für Eltern im Home-Office ("Starke Nerven ..."). Ein Poster vom Jahrmarkt Dom: "Bleiben Sie gesund und zuhause."

Knopp blättert in Bildern und Blättern mit Anweisungen und Parolen, darunter von Corona-Leugnern. Er klickt am PC durch Fotos. Ein Kind vor dem Spielplatzzaun mit durchgesickertem Sand. Der Schriftzug "Stay home is a privilege" an einer Wand, vor der wohl Obdachlose schliefen. Der leere Rathausplatz. Werbung für Hamburger Binnentourismus. Ein Screenshot von der in Hamburg beheimateten Tagesschau und Jan Hofers Nachricht: "Clubs verlegen Konzerte ins Internet."

"Das Objekt ist immer nur so gut wie seine Geschichte", sagt Sönke Knopp und holt vorsichtig einen historischen Flakon hervor. "Inv. Nr. 2021-54" steht auf dem Schutzdeckel. "Covid 19 Impfstoffphiole Nr. 1." Die erste in Hamburg geimpfte Dosis, 27. Dezember 2020. Pfizer/Biontech. "Der materialisierte Wendepunkt", sagt Knopp. "Hoffentlich." Ein winziger Rest ist noch drin.

© SZ/moge
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