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Halberstadt:"In dieser Stadt habe ich Angst"

Die Bedrohung ist allgegenwärtig: In Halberstadt gehören Neonazis zum Stadtbild. Wie gehen die Schauspieler, die brutal von ihnen angegriffen wurden, damit um?

Arne Boecker

Die erste Überraschung bietet der Tatort. Er liegt nicht in einer engen, dunklen Gasse, in der ein Rempler leicht mal Streit auslöst. Nein, die Gewalt hat sich am Rand einer großen Kreuzung mit Ampelanlage entladen.

Halberstadt Rocky Horror Show-Ensemble

Das Ensemble der "Rocky Horror Show" in Halberstadt wurde Opfer eines brutalen Überfalls durch Neonazis.

(Foto: Foto: dpa)

Die Kreuzung liegt nicht in einem entlegenen Gewerbegebiet, sondern in einem innerstädtischen Wohnviertel. Auf dem Gehweg rostrote Flecken, manche groß wie Handteller. Jemand hat sie eingekreist und mit Kreide "HBS: Das Blut der Opfer" hingeschrieben.

HBS ist das Autokennzeichen von Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Anhand der Flecken kann man den Fluchtweg der Verletzten nachzeichnen. Sie haben versucht, sich ins Theater zu retten.

Mehr als ein Dutzend Schauspieler, Tänzer und Musiker waren am frühen Morgen des vergangenen Samstag auf der Suche nach einer Kneipe. Hinter ihnen lag die Premiere der "Rocky Horror Show", die bekanntlich das Schräge und Schrille feiert.

Einer trug noch die Irokesenfrisur auf dem Kopf, den die Rolle verlangt. Urplötzlich griffen mindestens acht Neonazis das andere an, das diese bunte Truppe für sie verkörpert haben muss. Sie verletzten fünf Theaterleute, einem Mann zertrümmerten sie das Nasenbein.

Zwei massige Ganzkörpertätowierte

Theaterintendant André Bücker sagt: "Bei dieser Brutalität hätte es Tote geben können." Der Tatort liegt am Übergang der Friedensstraße zur Harmoniestraße.

Die zweite Überraschung fördert ein Spaziergang durch Halberstadt zutage. Donnerstag, Tag sechs nach dem Überfall: Ob Halberstadts Rechtsextremisten für ein paar Tage abgetaucht sind? Weit gefehlt! In einem Café am Rathaus sitzen inmitten der Rentner zwei massige Ganzkörpertätowierte, die Kappen tief in die Stirn gezogen.

Auf ihren rechten Oberarmen prangt der Schriftzug: "Odins Volk". Ein paar Meter weiter promeniert ein Junge durch die Rathauspassage, von dessen T-Shirt-Rücken die Drohung "Wir kennen keine Gnade" springt. Vornedrauf ist "Kategorie C" zu lesen. So benennt die Polizei die schlimmsten der schlimmen Hooligans.

Wer aus der Passage tritt, sieht links eine Gruppe giggelnder Teenies auf der Treppe sitzen. "Wenn dir langweilig ist, geh nach Hause!" - "Och, da ist auch nichts los..." Ein Handy fiept los: Madonnas "Just like a prayer", aber in der Stimmlage einer Mickymaus. Auf den Bänken an der rechten Seite hat sich eine Großfamilie niedergelassen, ein Mädchen pustet Seifenblasen in die Luft. Geradeaus sitzen drei Neonazis.

Schweigend walken sie leere Bierdosen durch. Zwei tragen ihre Haare streichholzkopfkurz. Der Dritte hat sich eine Tolle legen lassen. Während zwölf Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt so etwas als schick. Sie tragen schwarze oder beige Cargohosen, schwarze T-Shirts. Darauf wird "100 % Rechtsrock!" gefordert, Reichsadler spreizen ihre Schwingen.

Wer die drei als Journalist anspricht, bekommt erst keine Antwort und beim zweiten Versuch einen Blick. "Die wissen um ihre Stellung in dieser Stadt", sagt Mario Schieck von der Mobilen Beratung gegen rechte Gewalt. "Dementsprechend selbstbewusst treten sie auf."

Das Nordharzer Städtebundtheater, zu dem die überfallenen Schauspieler zählen, versucht dieser Tage, Normalität zu organisieren. Am Freitag steht die zweite Aufführung der "Rocky Horror Show" auf dem Spielplan. Die Ensemblemitglieder schwanken zwischen Verzweiflung und Wut.

"Ich bleibe nicht hier", sagt die Tänzerin Jana, "in dieser Stadt habe ich Angst." Ihr Kollege Timo hält dagegen: "Meine Leidenschaft für den Tanz lasse ich mir von keinem Idioten nehmen." Timo will bleiben.

Kulturelle Fülle

Die dritte Überraschung heißt Halberstadt. Wer ein finsteres, kulturfernes Nazinest erwartet hatte, sieht sich getäuscht, diesmal auf angenehme Art. Dabei hat die Stadt schwere Zeiten hinter sich. Am 8. Mai 1945 von Fliegerbomben fast völlig zerstört, lag Halberstadt im Sozialismus brach. Der Volksmund bespöttelte es als größten innerstädtischen Parkplatz der DDR. Nach dem Mauerfall sind der Domplatz und die Altstadt mit viel Geld verschönert worden.

Rainer Neugebauer, Gründungsdekan der Fachhochschule Harz, braucht fast eine Stunde, um alle Häuser, Initiativen und Institutionen vorzustellen, die Halberstadt beleben. "Ich kenne keine 40000-Einwohner-Stadt mit einem vergleichbaren Angebot", sagt Neugebauer - und der Wilhelmshavener ist schon ein bisschen rumgekommen.

Drei Beispiele für die kulturelle Fülle: Der Domschatz präsentiert die größte Sammlung liturgischer Gewänder außerhalb des Vatikans, die Moses-Mendelssohn-Akademie erforscht jüdisches Leben, in der Burchardi-Kirche wird derzeit ein Orgelstück des Komponisten John Cage aufgeführt. "Derzeit" ist gut! Es dauert 639 Jahre.

Rainer Neugebauer arbeitet im Bürger-Bündnis gegen rechte Gewalt mit. Am Dienstag blockierten 300 Bürger die Kreuzung, an der die Schauspieler überfallen wurden. "Es gibt in Halberstadt nur eine schmale Schicht, die man als Bürgertum bezeichnen könnte", sagt Theaterintendant André Bücker, "aber diese Leute sind sehr aktiv."

Rainer Neugebauer glaubt allerdings nicht, dass die Mutigen ausreichen, um die rechte Gewalt zu stoppen. "Entscheidend ist, wie sich die Masse verhält", sagt er. Dieses Thema beschäftigt auch die Polizei. Die Halberstädter Polizeipräsidentin Christiane Marschalk wird allerorten für ihre Konsequenz im Umgang mit den Rechtsextremen gelobt.

Aber: Wie energisch handeln normale Polizisten? Am Tatort des Überfalls haben sie eher uninspiriert gearbeitet. Der mutmaßliche Haupttäter entwischte, erst einen Tag später wurde er festgenommen. Christiane Marschalk hat den zuständigen Dienstgruppenleiter strafversetzt und sich öffentlich für ihre Leute entschuldigt.

© SZ vom 16.6.2007
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