Haiti nach dem Beben 200.000 sterben

Die Zahl der Todesopfer nach dem Erdbeben in Haiti musste erneut nach oben korrigiert werden. Ex-US-Präsident Clinton soll künftig als Chefkoordinator aller Hilfsmaßnahmen für das zerstörte Land fungieren.

Mehr als drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben hat die haitianische Regierung die Zahl der Todesopfer erneut nach oben korrigiert. Jüngsten Schätzungen zufolge kamen 200.000 Menschen ums Leben, teilte Premierminister Jean-Max Bellerive in Port-au-Prince mit. Darin seien aber noch nicht all diejenigen Opfer enthalten, die noch immer unter den Trümmern lägen oder bereits von ihren Verwandten bestattet worden seien.

Mit der Kraft am Ende: Eine Frau in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, wo die Weltgesundheitsorganistaion am Mittwoch eine Massenimpfaktion startete.

(Foto: Foto: AFP)

Unterdessen haben die Vereinten Nationen den früheren US-Präsidenten Bill Clinton als Chefkoordinator aller Hilfen für das vom Erdbeben zerstörte Land gewonnen. Clinton "wird die Soforthilfe und den langfristigen Wiederaufbauprozess strategisch führen", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in New York. Er habe ihn gebeten, die Aufgabe zu übernehmen, "und Clinton hat zugestimmt", erklärte Ban.

Der ideale Mann

Clinton war schon vor der Erdbebenkatastrophe als UN-Sondergesandter für Haiti tätig. In diplomatischen Kreisen in New York hieß es, er sei der ideale Mann für den Posten, weil er sowohl die Erfahrung aus den Jahren im Weißen Haus als auch das Ansehen als etablierter UN-Repräsentant mit sich bringe.

Laut Ban wird der ehemalige US-Präsident schon am Freitag nach Haiti fliegen, um seine neue Rolle zu übernehmen. Darüber hinaus werde er wie bisher nach Sponsoren suchen, die das schon vor dem Erdbeben ärmste Land der westlichen Hemisphäre beim Aufbau unterstützen.

Erdstöße der Stärke 7,0 hatten Port-au-Prince und Gebiete westlich der haitianischen Hauptstadt am 12. Januar nahezu vollständig zerstört. Über eine Million Menschen wurden obdachlos. Die Regierung in Port-au-Prince geht davon aus, dass mehr als 300.000 Menschen verletzt wurden, etwa 4000 von ihnen seien Gliedmaßen amputiert worden. Hilfsorganisationen hatten die Zahl der Amputierten zuvor bereits auf 6000 geschätzt.

Die tatsächliche Zahl der Toten und Verletzten wird sich nach Meinung von Experten allerdings nie ermitteln lassen.

Illegaler Handel mit Lebensmittelgutscheinen

Unterdessen mehren sich Proteste von Erdbebengeschädigten, die bei der Verteilung von Hilfsgütern bislang leer ausgingen. Sie werfen der haitianischen Regierung vor, nichts zur Linderung ihrer Not unternommen zu haben. Im Stadtteil Petionville demonstrierten an diesem Mittwoch etwa 300 Menschen vor dem Rathaus. Sie beschuldigten die Ortsvorsteher, Lebensmittelgutscheine der ausländischen Hilfsorganisationen verkauft zu haben statt sie gratis abzugeben.

Auch die Opposition in Haiti erhebt schwere Vorwürfe gegen die Regierung und wirft ihr Unfähigkeit vor. Oppositionelle Senatoren fordern die Einsetzung einer Notstandsregierung. Es müsse dringend ein Wiederaufbauplan verabschiedet werden, betonten sie am Dienstag in ihrer ersten Sitzung seit der Katastrophe. Premierminister Bellerive räumte ein, dass sämtliche Nothilfe von den ausländischen Hilfsorganisationen gewährleistet werde. Er appellierte an die Organisationen, ihre Hilfe besser untereinander abzustimmen.

Nach Angaben von UN-Generalsekretär Ban ist der Aufbau von Notunterkünften jetzt das Wichtigste, da in der Region der Beginn der Regenzeit erwartet werde. UN-Angaben zufolge haben bisher 10.000 Familien Zelte und weitere 15.000 große Planen erhalten. 15.000 Zelte lägen bereit zum Verteilen und 40.000 seien auf dem Weg.

Rückkehr in die Normalität von Angst geprägt

Wegen drohender Seuchengefahr starteten Hilfsorganisationen am Mittwoch zudem eine Massenimpfung. Rund 700.000 Menschen sollen gegen Masern, Tetanus und Diphtherie geimpft werden, darunter auch 140.000 Kinder. Nach Angaben des Roten Kreuzes, das sich mit über 30 Helferteams an der Impfaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beteiligen wird, sind Kinder wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse in den Lagern ohne fließendes Wasser, Abwasserkanalisation und Müllentsorgung besonders gefährdet.

Die USA wollen nach Angaben ihres Botschafters in Haiti die Zahl ihrer Soldaten im Land demnächst auf 6000 aufstocken. Sie sollen in erster Linie helfen, die Verteilung der Hilfsgüter zu sichern, sagte der US-Botschafter in Haiti, Kenneth Merten, dem haitianischen Radiosender Metropole.

Am Donnerstag will die haitianische Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie gegen zehn US-Bürger Anklage wegen Kindesentführung erhebt. Die Akten lägen vor und es sei nun an der Staatsanwaltschaft von Port-au-Prince zu entscheiden, wie es in dem Fall weitergehe, sagte Ermittlungsrichter Isai Pierre-Louis.

"Unglückliche Angelegenheit"

US-Außenministerin Hillary Clinton sprach von einer "unglücklichen Angelegenheit". Die haitianischen Behörden hätten zum Wohle der Kinder gehandelt, die ohne gültige Dokumente außer Landes gebracht werden sollten. Ungeachtet der Beweggründe der US-Bürger sei es bedauerlich, dass die Gruppe in diese Sache verwickelt sei, sagte Clinton.

Bei den Verdächtigen handelt es sich um eine Gruppe von US-Baptisten, die 33 haitianische Kinder im Alter zwischen zwei Monaten und 14 Jahren ohne Genehmigung außer Landes bringen wollten. Sie wurden am Freitag an der Grenze zur Dominikanischen Republik festgenommen.

Unterdessen weigerten sich Eltern an mehreren Orten, ihre Kinder in die wieder eröffneten Schulen zu schicken. Sie fordern eine Begutachtung der Gebäude durch Experten. Beschädigte Gebäude könnten bei einem Nachbeben leicht einstürzen. Die Regierung hatte die Wiederaufnahme des Schulunterrichts in acht Départements angeordnet, die von dem Beben verschont geblieben waren. Das Bildungsministerium geht davon aus, dass 75 Prozent der Schulen beschädigt wurden.

Die für Ende Februar geplanten Parlamentswahlen in Haiti wurden inzwischen offiziell verschoben. Ein neues Datum steht laut Wahlkommission noch nicht fest. Die Gebäude der Wahlkommission waren ebenso wie zahlreiche Regierungsgebäude bei dem Erdbeben stark beschädigt worden. Die Regierung berät über einen Vorschlag, das Mandat der 99 Abgeordneten und elf Senatoren um zwei Jahre zu verlängern. Präsident René Préval und sein Kabinett tagen derzeit in einem Polizeigebäude beim Flughafen.

Im Video: Nach offiziellen Angaben sind bei dem verheerenden Beben Mitte Januar mehr als 200.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Überlebenden warten unterdessen in notdürftig zusammengebauten Zelten weiter auf Hilfe.

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