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Rekordhochwasser in Hagen:Mit jedem Zentimeter schwindet die Hoffnung

Die westfälische Stadt Hagen wird besonders vom Starkregen getroffen. Ein Unimog muss als Rettungswagen herhalten, ein Altenheim wird evakuiert. Und viele müssen hilflos zusehen, wie das Wasser immer weiter steigt.

Von Anna Ernst, Hagen

Als das Wasser kam, zerdrückte es mit voller Wucht die Kellerfenster und brach ins Untergeschoss ein. Wie ein dreckiger Sturzbach ergoss es sich in das alte Haus an der Enneper Straße in Hagen. Zu Beginn hatten die Bewohner noch Videos und Fotos gemacht. Da standen sie bis zu den Waden im Wasser. Eimer, schnell herbeigetragene Sandsäcke, das alles hatte nichts geholfen. Der Pegel stieg weiter. Immer weiter. "Der Keller ist längst verloren", so viel sei schon seit Stunden klar, sagt Claudia Krajewski am Mittwochabend. Im Kreis ihrer Nachbarn steht sie kopfschüttelnd vor dem Mehrfamilienhaus, in dem auch ihre Wohnung liegt. Völlig fassungslos blickt sie auf die Szenen, die sich auf der Straße vor ihrer Haustür abspielen.

Die Kanalisation kann die Regenmengen längst nicht mehr halten. Die mehrspurige Durchgangsstraße ist komplett überflutet. Junge Männer mit hochgekrempelten Hosen versuchen dennoch verzweifelt, den Lieferwagen eines arabischen Imbisses durch die schmutzigen Wassermassen zu schieben. Schaulustige feuern sie aus der Ferne an. Immer wieder versuchen SUVs mit Schwung doch noch durchzukommen. Immer wieder geben sie auf.

Der Krisenstab der südwestfälischen 188 000-Einwohner-Stadt ist zu dieser Zeit bereits seit etlichen Stunden im Einsatz - und mit ihm mehr als 440 Rettungskräfte. Schon morgens hatte der Starkregen Hagen besonders schwer getroffene. Ein Seniorenzentrum musste komplett evakuiert werden, die Bewohner wurden in Krankenhäusern untergebracht. Flüsse und Bäche liefen über, die Einsatzkräfte berichteten von einstürzenden Wänden und Gebäudeteilen. Der Ortsteil Dahl im Süden der Stadt wurde zeitweise komplett abgeschnitten. Geröllmassen versperrten die Straßen. Damit zumindest ein Notarzt die Anwohner erreichen konnte, musste ein Unimog als Rettungswagen herhalten. In der kaum 14 Kilometer Luftlinie entfernten Stadt Altena kamen zwei Feuerwehrmänner bei den Rettungsarbeiten ums Leben. Es sind chaotische Szenen. Am Donnerstagvormittag will Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet Hagen besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen und den Krisenstab zu treffen.

Dessen Warnungen werden am Abend eindringlicher: In den kommenden Stunden erwarte man ein Rekordhochwasser, das im Schnitt nur alle 25 Jahre auftrete, teilt die Stadt gegen 19 Uhr mit. Wer in der Nähe von Flüssen wohne, solle sich selbst in Sicherheit bringen. Wer das Haus nicht verlassen kann, solle höhere Stockwerke aufsuchen, damit man gegebenenfalls von dort gerettet werden könne. "Wenn beide Optionen nicht möglich sind und in Notfällen, kontaktieren Sie die Leitstelle der Feuerwehr Hagen unter Telefon 112!️" Die Leitungen sind zu diesem Zeitpunkt stark überlastet. Wer anruft, landet in einer Warteschleife.

Überflutetes Haus in Hagen

"Den Keller haben wir aufgegeben", sagt die Hagenerin Claudia Krajewski. Am Mittwochabend steht das Wasser bis zur Treppe hinauf.

(Foto: Claudia Krajewski)

Claudia Krajewski und ihre Nachbarn von der Enneper Straße haben es aufgegeben, auf die Feuerwehr zu warten. "Ich bin zwar irgendwann nach zig Versuchen durchgekommen", sagt sie. Aber man habe ihr nur noch geraten, alles Teure und Wichtige irgendwie hochzustellen. "'Bis wir zu Ihnen kommen können, das kann vier, fünf Stunden dauern', haben sie gesagt." Seitdem haben Claudia Krajewski und ihr Mann große Sorgen. Die beiden wohnen im Erdgeschoss. Auf dem letzten Handyfoto aus dem Flur steht das Wasser bereits auf der letzten Stufe am Kelleraufgang. "Nur die wenigen Zentimeter retten noch unsere Wohnung. Wenn es da hochkommt ..." Sie spricht nicht weiter. Sie weiß, dass der Pegel noch immer steigt.

Die Stadt hat Notunterkünfte in einer Mehrzweckhalle und einer benachbarten Schulaula zur Verfügung gestellt. Aber an Schlaf können Claudia Krajewski und ihr Mann am späten Mittwochabend nicht denken: "Heute werden wir vermutlich kein Auge zumachen. Und morgen? Keine Ahnung, wie es dann aussieht."

© SZ/berj
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