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Haft:"Die Bischöfin hat Liebe in der Stimme"

Zu der Weihnachtsfeier im Frauentrakt der JVA Stadelheim sind 53 Frauen gekommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie alle klammern sich an ihrer Hoffnung fest. Recht viel mehr haben sie auch nicht. Nur ihre Zelle: zwei Meter breit, ein Bett, ein Spind, ein Schreibtisch. Abgetrennt mit einer roten Stellwand: die Toilette. Braune Vorhänge, davor die Gitter. Erlaubt sind fünf Bücher, ein Stück Pappe für die Wand, auf das Bilder geklebt werden können. Und die zwei Zweige mit dem Strohstern, den ihnen die Bischöfin nach dem Gottesdienst geschenkt hat. Die Frauen drücken die Zweige an die Nase und nehmen einen tiefen Atemzug. Es ist ein Stück Natur zwischen Beton und Gittern.

Nach dem Segen geht es um 15.30 Uhr in die Zelle, dann wird abgeschlossen. Die Gefangene Maria hat schon während des Gottesdienstes Tränen vergossen. Sie denkt an ihre alte Mutter, bei der sie so gerne wäre. "Ich bin nah am Wasser gebaut", sagt sie. "Wenn dann morgens die Zelle wieder aufgeht, dann kommt bei mir die Sintflut."

Beate Zschäpe kann von ihrer Zelle im dritten Stock der Haftanstalt die Stimmen der Tölzer Chorknaben hören, sie proben bei offenem Fenster zum Hof. Und sie kann den einsamen Christbaum sehen, der vor dem Eingang zur Mehrzweckhalle funkelt, die nun eine Kapelle ist.

Maria schaut durch die Gitterstäbe hoch. "Es ist schon schlimm, wenn du gar nicht auf das Ende hinleben kannst", sagt sie. "Ich könnte das nicht." Eine Gefangene neben ihr schüttelt den Kopf. Sie kennt Beate Zschäpe. "Sie hält das aus. Sie ist sehr stark. Ich wüsste nicht, ob ich nach so langer Zeit noch so gerade stehen würde." Gerade stehen - das ist für die da drinnen und die da draußen etwas ganz Unterschiedliches.

Die Bischöfin mahnt, aber sie will auch ein Zeichen setzen: "Ihr seid da draußen willkommen."

"Fürchtet euch nicht", sagt die Bischöfin, nicht vor der Dunkelheit, aber vor allem auch nicht vor dem Licht. "Wer sich selber anschaut, seine Tat, die eigene Abhängigkeit, die Gewaltbereitschaft, dem kann schon der Schreck in die Glieder fahren." Später sagt Breit-Keßler: "Dass ich hier in der JVA bin, ist auch ein Signal an die Gefangenen: Ihr seid da draußen willkommen."

Julie streichelt ihr Zweiglein, dann sagt sie: "Die Bischöfin hat Liebe in der Stimme." Aber auch Stahl. Sie redet den Frauen ins Gewissen, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen. "Wir haben alle Grund, uns anzuschauen, wer wir sind und was wir tun", sagt Breit-Keßler. Sie erlebt immer wieder, dass ihre Predigten nicht nur auf wohlige Zustimmung stoßen. Als sie den Männern in Stadelheim sagte, sie sollten ihre Probleme mit Worten lösen und nicht mit Fäusten, da erhob sich auch mal eine ganze Bank im Gottesdienst und wollte wieder gehen. "Klar, dass Sie das aufregt, Sie würden das gerne nach der alten Methode lösen", rief sie ihnen zu. Das bringe aber nichts. Die Herren haben sich dann wieder hingesetzt. Und danach ihr Zweiglein mit auf die Zelle genommen.

© SZ vom 23.12.2017/mane

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