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Haft:Vergitterte Weihnachten

Zu der Weihnachtsfeier im Frauentrakt der JVA Stadelheim sind 53 Frauen gekommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Gefängnis gibt es keine Geschenke, keinen Besuch, keinen Braten - aber eine Feier mit Knabenchor. Nicht allen Gefangenen in der JVA Stadelheim gefällt das. Und manche kommen nicht - so wie Beate Zschäpe.

Es gibt keinen Heiligen Abend in Haft. Es gibt keine Bescherung, kein Familientreffen, keinen Entenbraten und keinen Tannenduft. Weihnachten ist in der Haftanstalt, wenn es in den Ablauf passt. Und "Stille Nacht" wird nicht am Sonntagabend, sondern am Freitagmittag gesungen. Auch die Kinder, die Eltern, die Partner - sie kommen nicht an Weihnachten. Denn am Freitagnachmittag wird abgesperrt in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München. So wie in vielen anderen Haftanstalten im Land.

Weihnachten in Haft, das sind drei Tage ohne Unterbrechung mit sich und seinen Gedanken. Drei Tage Zeit zum Grübeln. Da kommt die Frau gerade recht, die da vorne am Altar steht und den Strafgefangenen in der Haftanstalt Stadelheim zuruft: "Fürchtet euch nicht."

Sie sagt es immer wieder: "Fürchtet euch nicht." Sechs Mal wiederholt die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler die Worte des Engels, der zu den Hirten sprach. Dann fügt sie etwas Wesentliches hinzu: "Wer so etwas sagt, der weiß, dass manches zum Fürchten ist."

150 Frauen sitzen in der JVA Stadelheim, nur 53 sind gekommen - obwohl der Tölzer Knabenchor mit Inbrunst seine Weihnachtslieder in der Frauenhaftanstalt schmettert. Zwei Dutzend kleine Jungs schauen auf vergitterte Fenster, auf Frauen in hellblauen Jeans und grauen Sweatshirts, Anstaltskleidung. Und sie sehen, was mit diesen Frauen geschieht. Beim zweiten Weihnachtslied wischen sich die ersten die Tränen aus den Augen. Bei "O du fröhliche" holen sie die Taschentücher raus. Beim Vaterunser nehmen sie sich an den Händen und halten sich aneinander fest.

Der Knabenchor, die Predigt, die Stimmung: Manche Häftlinge ertragen das nicht

Manche sind erst gar nicht gekommen. "Die schaffen es einfach nicht", sagt Sandro Nitsche, der hier verantwortlich ist. "Wenn sie die Kinder sehen, gefriert ihnen das Herz zu sehr." Vor allem wenn sie selbst Kinder haben, die sie lange nicht sehen dürfen. Andere wollen sich erst gar nicht den Emotionen aussetzen, die Weihnachten bedeutet. Oder sie haben Angst, durchlässig zu werden, zu weich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auch Beate Zschäpe ist nicht gekommen. Sie, die hier am längsten von allen Gefangenen sitzt. Kurz bevor die Bischöfin die Haftanstalt betritt, kommt Zschäpes Anwalt Hermann Borchert heraus, er ist gerade noch bei ihr gewesen. "Alles besprochen", ruft er und eilt davon. Es gibt einiges, was die beiden besprechen müssen. Denn im Januar steht das Plädoyer von Zschäpes Verteidigung im NSU-Prozess an. Es ist ihre letzte Chance. Einer nach dem anderen hat es ihr gesagt: Denken Sie nach, legen Sie alles auf den Tisch. All die Väter, die Mütter, die Geschwister der getöteten NSU-Opfer haben sie in den vergangenen Wochen vor Gericht noch einmal angesprochen. Nun ist Weihnachten.

Die anderen hier sind im Durchschnitt drei bis vier Monate in U-Haft. Zschäpe ist seit fünf Jahren hier. Die anderen kommen, die anderen gehen. Zschäpe bleibt. Die anderen wurden wegen Rauschgift, Betrug oder Urkundenfälschung verurteilt, Zschäpe ist wegen zehnfachen Mordes angeklagt.

Die anderen haben ein Ziel. Maria, 50, (alle Namen der Strafgefangenen geändert) kommt, wenn alles gutgeht, im Februar wieder raus. Dann könnte sie wieder in ihrer alten Firma anfangen und ihre Wohnung behalten. Julie, 24, kommt im März in Freiheit, gerade rechtzeitig, dass sie vor ihren drei Kindern die Legende aufrechterhalten kann, sie sei auf Kur gewesen. Ihr Ältester ist schon acht.