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Religionsfreiheit in Indien:Toter Guru darf in der Kühlkammer bleiben

Anhängerinnen von Guru Ashutosh Maharaj während einer Versammlung in dessen Ashram.

(Foto: AFP)

Seit 2014 verhindern die Jünger des indischen Sektengründers Ashutosh Maharaj seine Beisetzung. Sie sind überzeugt, er meditiere bloß. Richter haben dem Ganzen nun ihren Segen gegeben.

Von Arne Perras, Singapur

Die Ärzte waren sich sicher, als sie Ashutosh Maharaj untersuchten: Herzstillstand. Sie erklärten den indischen Guru für "klinisch tot". Das war am 28. Januar 2014, und ein Richter ordnete an, dass der Leichnam verbrannt werden sollte. Aber das war nicht so einfach, denn die Jünger des Gurus protestierten, sie sahen alles ganz anders: Ihr großer Meister sei nur in "Samadhi" verfallen, einen Zustand der Tiefenmeditation. Demnach war ihr Guru gar nicht tot. Also gaben die Jünger den Körper auch nicht frei, stattdessen schoben sie ihn in eine Kühlkammer. Nach Erfüllung seiner spirituellen Mission werde er ganz sicher zurückkehren, erklärten sie.

Nun ist die Idee von der möglichen Wiederauferstehung ja schon ein sehr alter religiöser Glaube. Und in Indien lebt er wieder auf, er hat nun sogar eine Art richterlichen Segen bekommen. Denn die indische Justiz hat auf Antrag der Jünger in einem neuen Verfahren festgestellt, dass das "Konzept des Samadhi der indischen Gesellschaft nicht unvertraut sei und Eingang in die Mythologie und Folklore erfahren hat". Yogis und Asketen würden es immer noch praktizieren.

Entscheidend war für die Richter der Verfassungsgrundsatz der Religionsfreiheit, Artikel 25, weshalb sie sich in den Fall nicht weiter einmischen könnten. Sie hoben deshalb die richterliche Anordnung von 2014 auf und erlaubten den Guru-Jüngern, den Körper weiterhin aufzubewahren. Allerdings müssten sie sicherstellen, dass "der Körper nicht mit der öffentlichen Gesundheit in Konflikt gerät". Ein medizinisches Team soll regelmäßig Zugang erhalten, um den Körper zu besichtigen und dessen Zustand beurteilen zu können, hieß es im viel beachteten Urteil des Gerichtshofs.

Gurus in Indien sammeln große Gefolgschaften hinter sich, und das gilt auch für Ashutosh Maharaj. Er hatte seine Sekte in den Achtzigerjahren gegründet, um "die Erweckung des Selbst und den globalen Frieden" zu fördern, wie es auf der Website der Organisation heißt. Sie nennt sich Divya Jyoti Jagrati Sansthan, was so viel bedeutet wie "Erweckungsbewegung des göttlichen Lichts".

Die Sekte mit ihrem Hauptsitz in Punjab zieht Menschen auf allen Kontinenten in ihren Bann, sie betreibt 109 Zentren, und in Medienberichten heißt es, der Guru habe eine globale Millionengefolgschaft hinter sich geschart. Dass sein Körper jetzt so lange aufbewahrt wird, könnte auch damit zu tun haben, dass die Nachfolge des spirituellen Führers ungeklärt erscheint. Sein Vermögen, zu dem auch zahlreiche Immobilien und der große Aschram in Punjab gehören, wird auf 120 Millionen US-Dollar geschätzt. Die Divya-Jyoti-Stiftung vermarktet im Internet ayurvedische Medizin, Bücher, DVDs und Wellnessprodukte. Eine Strategie, die auch andere indische Gurus entdeckt haben und mit großem Erfolg praktizieren. So blühen unter dem spirituellen Siegel der bärtigen Asketen weit verzweigte ökonomische Imperien auf.

Doch noch scheint das Gerangel um den Körper nicht beendet. Ein Mann aus Bihar, der beansprucht, der Sohn des Gurus zu sein, hatte das Gericht 2014 angerufen, um die Verbrennung des Toten nach Hindu-Ritus zu veranlassen. Nun fordert Dalip Kumar Jha, der mutmaßliche Sohn, die Herausgabe des Gurus, was seine Jünger allerdings hartnäckig verweigern.

Die Richter erklärten, der mutmaßliche Sohn könne ein weiteres Verfahren anstrengen, um zunächst per DNA-Test seine Verwandtschaft zu beweisen. Sein Anwalt sagte, sie erwägen, nun vor das Verfassungsgericht zu ziehen.

Noch verworrener wird die Geschichte durch die Aussagen eines weiteren Mannes, der früher mal der Fahrer des Gurus gewesen sein will. Er forderte schon 2014 eine gerichtsmedizinische Untersuchung, um zu klären, ob der Guru vergiftet worden sei. Doch diesen Verdacht haben die Behörden bislang nicht weiter verfolgt.

Nach dem jüngsten Richterspruch sind die Jünger des Gurus erst einmal glücklich. Ashutosh Maharaj darf im Dauerfrost liegen bleiben. "Verhältnisse wie im Himalaja", so nennen das seine Anhänger. Sie geben den Glauben an den meditierenden Meister nicht auf. Er habe das schon früher in den eisigen Höhen der Berge praktiziert, sagen sie. Und sei noch jedes Mal wieder aufgewacht.

© SZ vom 10.07.2017/lgu

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