Günstiger kochen Reformeifer am Herd

Mit einem Hartz-IV-Kochbuch wollen zwei Berlinerinnen zeigen, wie man sich trotz sinkender Kaufkraft den Stil beim Essen bewahrt.

Von Von Mike Szymanski

Selten hat wohl ein Kochbuch so viel Aufmerksamkeit erfahren, wie das von Nicole Schlier und Sigrid Ormeloh - ohne dass sich die Kritiker der Medien an den Rezepten abarbeitet mussten.

Die Autorinnen aus Berlin haben nämlich ein Buch vorgelegt, das ihrer Meinung nach gar nicht besser in diese Zeit passen könnte: "Hartz IV - Ein Kochbuch für harte Zeiten" haben die Autorinnen den Benachteiligten dieser Republik gewidmet - den immerhin fast fünf Millionen Arbeitslosen.

Nicole Schlier hat den Esstisch in ihrer Kreuzberger Wohnung liebevoll gedeckt und Kerzen angesteckt. Im Ofen brutzelt Fleisch, der Duft von Kräutern macht sich im Wohnzimmer breit. Auf dem Menü-Plan stehen die etwas aufwändigeren Gerichte aus ihrem Kochbuch: Zucchini-Carpaccio, Kräuterhühnchen und als Dessert Schoko-Sahne-Creme - "für Gekündigte" wie hinter dem Rezept vermerkt ist.

Missverstanden

Insgesamt zwölf Euro kosten die Zutaten für die Gerichte. "Raffiniertes Essen muss gar nicht teuer sein", erklärt Nicole Schlier ihren Ansatz und schenkt Wein für zwei Euro aus dem Discounter nach. Etwa 60 Rezepte dachte sich die 43-Jährige für das Buch aus und ihre am Herd weniger begabte Freundin Sigrid Ormeloh hat sie alle nachgekocht. "Ich wollte sehen, ob ich das mit meinem durchschnittlichen Kochverstand auch kann", sagt die 41-Jährige.

Für Schliers Zitronenspaghetti etwa dürfte sogar geringe Erfahrung am Herd genügen: Neben Nudeln stehen nur Zitronen, Olivenöl, Salz und Pfeffer auf der Zutatenliste, dazu kommen - schon etwas luxuriöser - Parmesan und Basilikum. Neben dem Rezept steht ein Hinweis: Mit halbierten Cocktailtomaten würde die Speise noch hübscher und leckerer. Bei den etwas teureren Cocktailtomaten muss man sich wohl schon nach einem Sonderangebot umsehen. Doch wenn schon verarmen, dann wenigstens mit Stil, findet Nicole Schlier.

Das Buch hat sich seit dem Erscheinen Anfang Mai etwa 6000 Mal verkauft. In der Aufmachung kommt es eher schlicht daher: Einfache Ringbindung, 78 Seiten. Dafür haben die beiden Autorinnen nicht drauf verzichtet, zu provozieren: "Befristet" steht da zum Beispiel neben dem Rezept für den Salat aus dem Saisongemüse Mangold - Arbeitslose dürften dieses Wort bestens aus den Briefwechseln mit ihrer Arbeitsagentur kennen. Und meistens steht es dort im Zusammenhang mit ihrer Förderung.

Dass man aber mit Arbeitslosigkeit nicht spaßt, haben die beiden Frauen schnell lernen müssen: "Geschmacklos" titelte kürzlich der Berliner Kurier, eine Boulevard-Zeitung.

Im Vorwort des Buches steht: "Die gute alte Rauke wächst selbst auf Grünflächen vor Arbeitsämtern." Darüber lachen die beiden Frauen jetzt nur noch verhalten. Sie waren ein wenig schockiert darüber, wie leicht man bei dem heiklen Thema falsch verstanden wird. Lustig machen wollten sie sich nicht, schließlich waren sie ja beide selbst arbeitslos, als ihnen im vergangenen Herbst die Idee zu dem Buch kam.

Nicole Schlier hat Kostümbildnerin gelernt, Sigrid Ormeloh Buchhändlerin, später studierte sie Medienpädagogik. Sicher würden sie mit dieser Ausbildung Jobs finden, aber beide haben kleine Kinder. Nach deren Geburt fanden die Frauen nicht mehr in ihre Berufe zurück. "Bis spät abends zu arbeiten, das geht mit Kindern halt nicht mehr so einfach", sagt Sigrid Ormeloh, die schon von Sozialhilfe lebte. Nicole Schlier wohnt noch immer mit Lebenspartner und Tochter in einer Wohnung mit zweieinhalb Zimmern. Nur auf eines wollten die Frauen nicht verzichten: Gute Ernährung. Die Idee für das Buch entstand beim Abendessen.

Inzwischen haben sich die Autorinnen als "Ich-AGs" selbstständig gemacht, Sigrid Ormeloh recherchiert für das Fernsehen und Nicole Schlier kocht für Leute vom Film. Von dem Geld, das ihr Buch einbringt, können beide bisher nicht leben. Selbst wenn die komplette erste Auflage mit 10 000 Exemplaren vergriffen ist, verdienen die Frauen jeweils nur etwa 6000 Euro. "Für sechs Monate Arbeit ist das nicht viel", findet Sigrid Ormeloh, "reich werden wir damit nicht, wenigstens das kann uns niemand vorwerfen."