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Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe:Zwei Verdächtige in Untersuchungshaft

Im Fall des Einbruchs im Grünen Gewölbe rechnet die Staatsanwaltschaft damit, dass auch der Haftbefehl gegen einen dritten Mann noch heute "in Vollzug gesetzt" wird. Nach zwei weiteren Verdächtigen wird international gefahndet. Alle fünf gehören zu einer bekannten Clan-Familie.

Von Verena Mayer, Berlin, und Juri Auel

Vor einem Jahr hat ein spektakulärer Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden für Aufsehen gesorgt. Unbekannte hatten Kunstschätze in kaum messbarem Wert gestohlen. Jetzt sind die Ermittler einen großen Schritt weitergekommen. Am Dienstagmorgen hat die Polizei in Berlin drei Tatverdächtige festgenommen. Zwei der drei Männer befinden sich mittlerweile in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Dresden rechnet damit, dass auch ein dritter Haftbefehl noch heute "in Vollzug gesetzt" wird, sagte der Sprecher der Behörde, Jürgen Schmidt. Nach zwei weiteren Verdächtigen wird inzwischen international gefahndet. Allen fünf wird schwerer Bandendiebstahl und Brandstiftung in zwei Fällen vorgeworfen.

Schmidt bestätigte Medienberichte, wonach alle Tatverdächtigen Mitglieder der deutsch-arabischen Clanfamilie R. sind. Die Familie ist in Berlin stadtbekannt - ein großer Teil der Ermittlungsverfahren im Bereich der Clan-Kriminalität richtet sich gegen sie. Der Name der Familie tauchte in den vergangenen Jahren immer wieder in Zusammenhang mit spektakulären Straftaten auf.

Beim Einbruch in eine Sparkasse in Berlin-Marienfelde 2014 etwa, bei dem 300 Schließfächer aufgebrochen und zehn Millionen Euro erbeutet wurden, anschließend wurde die Sparkasse gesprengt. Im März 2017 brachen drei junge Männer durch ein Fenster ins Bode-Museum ein und entwendeten eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze im Wert von fast vier Millionen Euro. Zwei von ihnen sowie ein Wachmann aus dem Museum, der mit der Familie befreundet ist, wurden für den Diebstahl im Februar zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Münze ist bis heute verschwunden.

Ein weiteres Geschäftsfeld von Teilen der Familie sind Immobilien. 2018 wurden 77 Immobilien beschlagnahmt, die Ermittler vermuten, dass sie mit Erlösen aus kriminellen Aktivitäten gekauft wurden. Immer wieder werden Familienmitglieder zudem mit blutigen Revierkämpfen in Verbindung gebracht, zuletzt stand ein Mann wegen Mordes vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, einen Konkurrenten aus einer anderen Familie mit einem Baseballschläger überfallen und getötet zu haben, er wurde wegen Mangels an Beweisen jedoch freigesprochen.

Die Polizei Dresden sucht mit Fotos nach zwei weiteren Tatverdächtigen im Zusammenhang mit dem Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe.

(Foto: Polizei/dpa)

Seit dem frühen Morgen durchsucht die Polizei in Berlin 18 Objekte, darunter zehn Wohnungen sowie Garagen und Fahrzeuge. Laut Behörden sind dabei knapp 1640 Polizeibeamte im Einsatz. Im Zentrum der Maßnahmen stünden die Suche nach den gestohlenen Kunstschätzen und möglichen Beweismitteln, etwa Speichermedien, Bekleidungsstücke und Werkzeuge.

Der Schwerpunkt der Durchsuchungen vom Dienstagmorgen sei im Berliner Stadtteil Neukölln. Aufgrund des Polizeieinsatzes war den ganzen Tag mit erheblichen Verkehrseinschränkungen im gesamten Stadtgebiet von Berlin zu rechnen. Neben Einsatzkräften aus Sachsen waren auch Spezialeinsatzkräfte des Bundes und der Länder Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an den Maßnahmen beteiligt.

Berlins Innensenator Andreas Geisel sieht in den Festnahmen auch ein Warnzeichen an die Clan-Szene in der Hauptstadt. "Niemand sollte glauben, er könne sich über diesen Staat und seine Regeln hinwegsetzen", sagte er. "Der Rechtsstaat ist das Maß der Dinge. Er allein setzt die Ordnung durch. Er tut das entschlossener und klüger als manch Krimineller glaubt." Die Berliner Polizei habe die Dresdner Kollegen früh mit ihrer Expertise bei den Ermittlungen unterstützt. Auch habe sie sich mit Spezialeinsatzkräften an den Razzien beteiligt. "Wir sind froh, dass bei der Aufklärung eines Kunstraubs ein großer Erfolg geglückt ist", sagte er.

Unbekannte waren am Morgen des 25. Novembers 2019 über eines der vergitterten Fenster in das berühmte Museum im Dresdner Residenzschloss eingedrungen. Im Juwelenzimmer schlugen sie mit einer Axt die Vitrine mit den kostbarsten Schmuckstücken ein, sie erbeuteten historische Diamanten und Brillanten von unschätzbarem Wert. Der Einbruch dauerte nur wenige Minuten.

Täter flohen mit als Taxi getarntem Auto

Bislang fehlte sowohl von den Dieben als auch der Beute jede Spur. Die Ermittler gingen von mindestens sieben Tätern aus, die den Einbruch lange vorbereitet haben. Mit einem PS-starken Wagen in Taxi-Optik getarnt sind sie damals über die nahegelegene Autobahn nach Berlin gerast, sagte der Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft. Die Diebe waren zunächst mit einem anderen Auto vom Tatort weg- und einige Kilometer durch die Elbestadt gefahren. In einer Tiefgarage am Stadtrand hatten sie dieses dann stehenlassen und in Brand gesteckt, ehe sie umstiegen. Aufnahmen der Überwachungskameras im Grünen Gewölbe halfen den Behörden "ganz erheblich" dabei, den Verdächtigen auf die Schliche zu kommen. Auch Spuren in Fluchtauto halfen den Ermittlern.

Trotz der aktuellen Festnahmen haben die Ermittler wenig Hoffnung, dass die gestohlenen Objekte wieder nach Dresden zurückkehren. "Da müsste man sehr viel Glück haben, dass man die ein Jahr nach der Tat noch finden würde", sagte ein Sprecher der Dresdner Polizei. Zumindest ein wenig optimistischer äußerte sich Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch. "Jetzt endlich dürfen wir Hoffnung haben, die gestohlenen Juwelen zurückzubekommen", sagte sie. "Wenn sich bestätigen würde, dass die Täter gefasst werden konnten, wäre das ein großer Erfolg und es wäre ein gutes Signal in schwierigen Zeiten," so die CDU-Politikerin.

© SZ/dpa/nas
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