Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Ein Tweet, der alle Tabus sprengt

Ein eigentlich zur Neutralität verpflichteter Civil Servant kritisiert die Vorzugsbehandlung von Boris Johnsons Top-Berater Dominic Cummings - über einen offiziellen Twitter-Account.

Von Alexander Menden

Am vergangenen Sonntagabend, kurz nach einer Pressekonferenz, in welcher der britische Premier Boris Johnson sich demonstrativ hinter seinen hoch umstrittenen Berater Dominic Cummings gestellt hatte, erschien im offiziellen Twitter-Feed des UK Civil Service folgende Nachricht: "Arrogant und widerlich. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, mit diesen Wahrheitsverdrehern zusammenarbeiten zu müssen?" Nach zehn Minuten wurde sie wieder gelöscht, allerdings nicht ohne vorher rund 30 000 Mal gelikt worden zu sein. Kurz darauf wurden, ebenfalls auf Twitter, bereits gerahmte Bilder und sogar eine gestickte Version davon verbreitet.

Um die Tabu sprengende Tragweite dieser für Twitter-Verhältnisse zunächst recht moderat erscheinenden Unmutsäußerung erfassen zu können, muss man wissen, wofür Her Majesty's Civil Service steht. Als zentrale Staatsverwaltung bildet er das bürokratische Fundament jeder Regierungsarbeit in Westminster. Civil Servants sind dazu da, dem Premierminister und seinem Kabinett nach besten Kräften bei der Umsetzung ihres politischen Programms zu helfen. Die wichtigste Regel für Civil Servants, die nicht gewählt, sondern auf Lebenszeit verbeamtet sind, lautet, sich in der Öffentlichkeit politisch neutral zu verhalten.

Dass ein Civil Servant, für den Neutralität bis zur Selbstaufgabe eine Selbstverständlichkeit ist, sich irgendwie emotional äußert, ist also eine große Rarität. Dass er es in derart unverblümt regierungskritischer Absicht tut, ist beispiellos.

Nichts erbost die Briten mehr als Unfairness

Die digitale Eruption ist ein besonderes Symptom für das Wegbrechen vieler tragender Säulen des britischen Selbstverständnisses, das mit dem Brexit-Votum begann, und jetzt, in der Corona-Krise, seinen vorläufigen Tiefpunkt erlebt. Nicht zufällig entzündete sich die allgemeine Empörung daran, dass Dominic Cummings gegen die Lockdown-Regeln verstoßen und mit seiner an Covid-19 erkrankten Frau und seinem Sohn von London zu seinen Eltern nach Durham gefahren war. Dass Johnson dies als "verständlich" abtat, wurde als unfair empfunden - und nichts erbost die Briten mehr als Unfairness. Der bisher unbekannte Tweeter hatte Millionen aus dem Herzen gesprochen.

Wie brenzlig das Ganze ist, zeigt die Ankündigung der Regierung, sofort nach dem Urheber des "nicht autorisierten Tweets" zu fahnden. Sollte er gefunden werden, dürfte sein Posten in akuter Gefahr sein. Doch eine erste Nothilfe wäre bereits garantiert. "Harry Potter"-Autorin J. K. Rowling twitterte ihrerseits am selben Abend: "Wenn Sie rausgefunden haben, wer es war, sagen Sie Bescheid. Ich möchte dem Betreffenden ein Jahresgehalt spendieren."

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