Großbritannien Stein des Anstoßes

Der kuriose Streit um einen Diamanten, der der britischen Queen Victoria geschenkt worden sein soll. Oder nicht?

Von Arne Perras

Der Koh-i-Noor funkelt inmitten der Kronjuwelen im Tower von London, er ist einer der größten Diamanten der Welt, 105,6 Karat. Das ist aber beinahe schon alles, was sich an harten Fakten zusammentragen lässt - ansonsten umhüllt diesen Stein ein dichtes Gespinst aus Gerüchten und Legenden. Und ein Streit, der kein Ende nehmen will.

Wurde er der britischen Queen Victoria tatsächlich geschenkt, wie oft behauptet wird? Oder haben ihn die Briten doch gestohlen? Diese Fragen beschäftigt derzeit das oberste indische Gericht in Delhi. Es prüft eine Petition auf Rückgabe des Diamanten, ein Thema, das in Indien den nationalen Stolz berührt und emotional stark aufgeladen ist. Wer hoffte, dass sich nun vieles aufklären wird, wurde enttäuscht. Mehr noch: Die Verwirrung erscheint größer denn je.

Angefangen hatte es am Montag, als der indische Generalstaatsanwalt Ranjit Kumar zu Protokoll gab, dass die Familie des früheren Maharadschas von Punjab, Ranjit Singh, den Briten den Diamanten Mitte des 19. Jahrhunderts aus freiem Willen übergeben hätte. Kumar bezeichnete den Stein als eine "freiwillige Kompensation" für britische Hilfe. Der Stein sei von der Kolonialmacht "weder unter Zwang entwendet noch gestohlen worden", versicherte Kumar. Indische Medien berichteten unter Berufung auf Kumar weiter, dass Delhi den Stein nun auch nicht zurückfordern wolle. Das klang nach einer überraschenden Wende. Doch kurz darauf hieß es in einer Erklärung des Kulturministeriums: Indien wolle den Stein sehr wohl zurück und versuche, ihn "auf freundschaftliche Weise" zurückzugewinnen.

Damit nicht genug: Auch in Pakistan, Afghanistan und Iran wurden schon Forderungen nach dem Koh-i-Noor laut. Sein Name heißt auf Persisch so viel wie "Berg des Lichts", er ging im Laufe der Jahrhunderte durch viele Hände, Afghanen, Perser und Inder haben ihn besessen. Im Mittelalter soll er in Indien entdeckt worden sein, danach versuchten viele, den hühnereigroßen Schatz zu ergattern, der einst 186 Karat groß war.

Zuletzt trug ihn Queen Mum. Und bis heute hält sich der Glaube, dass den Koh-i-Noor nur ein Gott oder eine Frau tragen sollte. Einem Mann bringt er nach der Legende Unglück, was die Männer an der Regierungsspitze Großbritanniens freilich nicht davon abhält, den Stein behalten zu wollen; immer wieder haben britische Premiers dies in den vergangenen Jahren deutlich gemacht. Zuletzt sagte David Cameron 2010 im indischen Fernsehen zu solchen Forderungen: "Wenn Sie zu einem Ja sagen, stellen Sie plötzlich fest, dass das britische Museum leer ist.