Großbritannien Die Queen wird 90 - Verschmolzen mit dem Thron

Für die meisten Briten ist die Person so sehr mit der Institution verbunden, dass eine andere Regentin undenkbar ist. Dass kaum jemand die Monarchie in Frage stellt, ist vor allem ihr Verdienst.

Kommentar von Christian Zaschke, London

Eine der besten Anekdoten über Königin Elizabeth II. geht so: Die Queen spaziert in der Nähe ihres Landsitzes Balmoral in Schottland, sie hat ihr Diadem zu Hause gelassen und trägt Kopftuch und Tweedjacke. Sie trifft zwei amerikanische Touristen, die fragen, ob sie in der Gegend wohne. Ja, sie habe ein Haus in der Nähe, sagt Elizabeth. Ob sie die Queen schon mal gesehen habe, fragen die Touristen, die wohne doch auch hier. "Nein", sagt die Queen und zeigt auf den Polizisten, der sie stets begleitet: "Aber der da."

Viele Briten lieben solche Geschichten, weil Anekdoten, in denen amerikanische Touristen vorkommen, sowieso immer lustig sind, und weil die Queen darin als zugleich gewitzt und volksnah und sehr britisch erscheint. Seit Tagen sind die Medien voll mit solchen Geschichten, weil kaum eine Zeitung, kaum ein Sender und kaum eine Website anlässlich des 90. Geburtstags Elizabeths an diesem Donnerstag ohne eine ausführliche Würdigung des Lebens der Königin auskommt. Für Royalisten sind es Tage der Freude.

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90. Geburtstag von Queen Elizabeth

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Für das Fünftel der Briten, das die Monarchie gern abgeschafft sähe, sind es dagegen Tage der Qual, denn für Republikaner ist es schwer zu ertragen, wie zuckersüß allerorten über Person und Institution berichtet wird. Die Zahl der kritischen Bestandsaufnahmen von Elizabeths 64 Jahren auf dem Thron lässt sich an einer Hand abzählen. Dabei wäre der 90. Geburtstag der Königin durchaus ein guter Zeitpunkt, um zu fragen, ob die parlamentarische Monarchie eine zeitgemäße Staatsform ist und wie ihre Zukunft aussieht. Dass solche Fragen kaum mehr gestellt werden, ist der vielleicht größte Erfolg Elizabeths, der Stabilität als höchstes Gut gilt.

Das liegt auch daran, dass sie nur aufgrund einer schweren Krise der Monarchie Königin wurde. Der Bruder ihres Vaters bestieg 1936 als Edward VIII. den Thron und dankte im selben Jahr wieder ab, weil er die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten wollte. Elizabeths Vater wurde als George VI. der Nachfolger, und einer weiteren Anekdote zufolge, die in diesen Tagen erzählt wird, wurde die damals zehn Jahre alte Elizabeth von ihrer Schwester Margaret gefragt: "Heißt das, dass du am Ende Königin wirst?" Elizabeth sagte: "Ja, ich glaube schon."

Nicht immer war die Zustimmung zur Krone so groß wie heute. Besonders in den Neunzigerjahren machten die Royals vor allem mit gescheiterten Ehen und Affären von sich reden, so dass in der Boulevardpresse offen gefragt wurde, ob es nicht Zeit sei, die Monarchie abzuschaffen. Elizabeth führte die Institution mit sicherem Gespür in ruhigere Zeiten, und seit den Feiern zur Heirat ihres Enkels William mit Kate im Jahr 2011 und zu ihrem 60. Thronjubiläum im Jahr 2012 ist die königliche Familie beliebt wie nie. Die Geburt von Prinz George im Jahr 2013 bedeutete, dass die Thronfolge auf Jahrzehnte gesichert ist.

Doch die unmittelbare Nachfolge Elizabeths könnte sich als Problem erweisen. Person und Institution sind so sehr verschmolzen, dass es für viele Briten kaum mehr vorstellbar ist, dass jemand anderes als Elizabeth regiert - und schon gar nicht der 67 Jahre alte Thronfolger Prinz Charles, der sich mit Vorliebe in seine Partikularinteressen verstrickt. Paradoxerweise könnte also gerade die Stabilität, die Elizabeths lange Regentschaft bedeutet, zur Gefahr für die Institution werden, da sich grundsätzliche Fragen stellen, wenn sie einmal nicht mehr auf dem Thron sitzt.

Das kann allerdings noch eine ganze Weile dauern. Dass ein Monarch aus Altersgründen abdankt, ist im Vereinigten Königreich nicht vorgesehen, und Elizabeth II., die am längsten regierende Königin der britischen Geschichte, erfreut sich an ihrem 90. Geburtstag augenscheinlich bester Gesundheit.

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