Glosse "Sehr geehrtes Twitter"

Als vor einem Jahr plötzlich satte 280 statt nur 140 Zeichen vollgeschrieben werden konnten, jammerten viele User, dass Twitter sein Alleinstellungsmerkmal verliere.

(Foto: Freestock/Unsplash)

Auf dem sozialen Netzwerk sind Worte wie "Bitte" und "Danke" wieder in. Ganz einfach, weil man seit einem Jahr 280 Zeichen Platz hat, und nicht nur 140.

Von Magdalena Pulz

Für einen guten Tweet braucht man nicht viel: ein bissiger Kommentar hier, ein kleiner Witz da, semi-kreativer Hashtag oben drauf, fertig. Trotzdem haben viele User immer noch ihre Schwierigkeiten mit Twitter. Das liegt sicher auch daran, dass Tweets oft kryptischer als die Krakeleien eines Kindergartenkindes sind. Überall diese Abkürzungen. "Idc" steht für "I don't care" - mir doch egal. Oder "lmk", "let me know" - lass es mich wissen. Twitter hat quasi einen eigenen inoffiziellen, stenografischen Code.

Schuld für diesen Geiz an Vokalen dürfte die Begrenzung von 140 Zeichen sein, die bis vor einem Jahr galt. Dann die Halb-Revolution, auf die keiner gewartet hatte: Satte 280 Zeichen, auf einem sogenannten Kurznachrichtendienst, wie bitte? Viele User jammerten: Twitter verliere damit sein Alleinstellungsmerkmal, nämlich, dass es auf Twitter keinen Platz für Geschwafel gebe. Andere freuten sich einfach über mehr Platz.

Besonders "Bitte" ist mit einem 54-Prozent-Anstieg wieder in Mode gekommen

Nun, etwa ein Jahr später, hat das Unternehmen aus San Francisco eine Statistik veröffentlicht, die zu gar nicht mal so unrevolutionären Ergebnissen kommt: Angeblich wird der neue Laberplatz dafür genutzt, sich brav an die Rechtschreibung zu halten, die man etwa aus dem Duden kennt. So wurde aus der Abkürzung "gr8" (gelesen gr-eight) wieder "great" - großartig. Das kaum entzifferbare "b4" (gelesen be-four) wird nun als "before" erkennbar. Genau wie "srsly", das sich zu einem ernsthaften "seriously" ausdehnt.

Vor allem aber ist wieder Platz für wertschätzende Äußerungen wie "Bitte" und "Danke". Dabei ist besonders "Bitte" mit einem 54-Prozent-Anstieg in Mode gekommen. Und sind das nicht ausgezeichnete Nachrichten für alle, die sich um die Gesprächskultur, Cybermobbing oder Hatespeech im Internet sorgen? Denn, wenn das so einfach ist, warum nicht noch mehr Platz für einen angenehmeren Ton schaffen? Sagen wir: 560 Zeichen, für alle.

"Sehr geehrte Damen und Herren und Personen der Internetcommunity, ich möchte Euch hiermit gerne mitteilen, dass ich an diesem Punkt mitnichten Eurer Meinung bin, auch wenn ich Euren Standpunkt selbstverständlich respektiere. Hochachtungsvoll, Euer Björn". Und da hätte Björn sogar noch ganz viele Zeichen übrig, um Herzchen zu twittern: <3 <3 <3. Oder Tränen lachende Gesichter, Flamingos. Oder kotzende Smileys.

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