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Glamorama:Sag' zum Abschied leise Servus

Drei Buchstaben prägten das Jahr 2016: R.I.P. Betrauert wurden unter anderen Carrie Fisher und Davie Bowie.

(Foto: AP, Imago/Montage: SZ)

Drei Buchstaben haben das Jahr 2016 geprägt: R.I.P. Viel zu viele Menschen haben uns verlassen. Und es ist Zeit, ein nächstes Mal Adieu zu sagen.

Leben bedeutet von einem gewissen Alter an Abschied nehmen, das war in diesem Jahr besonders stark zu spüren. Lemmy Kilmister, David Bowie, Muhammad Ali, Carrie Fisher, Alan Rickman, Leonard Cohen, Prince, George Michael und noch einige mehr sind gestorben und bei jedem Einzelnen schienen die Menschen in den sozialen Netzwerken ein bisschen hinterherzusterben. Ein neues Wort ist entstanden, "R.I.P."-Storm, der die Abschiedsformel "Requiescat in pace" verkoppelte mit dem modernen Phänomen, sich in sozialen Netzwerken den vielen, vielen Meinungen nicht mehr entziehen zu können. Die Trauer schwappte allerdings auch aus den klassischen Medien, Nachrufe schreiben wurde zum Hochamt vieler Journalisten (Vorteile: einfach zu erzeugende Emotionalität und wenig Kritik, weil ja niemand etwas Schlechtes über einen Toten sagen will, nicht mal über seinen Nachruf). Markus Lanz füllte zum Jahresende eine ganze Sendung mit Nachrufen von halbwegs Prominenten auf sehr prominente Verstorbene. Der Sänger Sasha (unter seinem Alias "Dick Brave" vielleicht etwas weniger unbekannt) durfte sich an "Purple Rain" von Prince versuchen. Andreas Gabalier arbeitete sich an Cohens "Hallelujah" ab. Die Gäste und Interpreten waren sehr ergriffen - auf den zweiten Blick vielleicht vor allem von sich selbst.

Denn wer einem Prominenten nachtrauert, dem er vermutlich nie persönlich begegnet ist (und in diesen Fällen sind der normale Facebook-Trauernde, Andreas Gabalier und Sasha fast gleich weit entfernt von den ganz Großen), der trauert nicht um den Toten, sondern um die eigene Biografie. Eine Journalistenregel besagt, dass Leute sich vor allem für Leute interessieren, weswegen man in Redaktionen häufig versucht, Geschichten über Menschen zu erzählen. Fakten sind nicht ganz so sexy, Zahlen bieten weniger emotionalen Zugang. Ein Mensch im Mittelpunkt einer Erzählung stellt immer eine Vergleichbarkeit her, auch beim Sterben, weswegen man jemandem hinterhertrauern kann, den man gar nicht kannte. Vielleicht war das eigene Leben noch hoffnungsfroh und ohne Dellen, als Prince "1999" sang. Vielleicht musste ein großer Liebesschmerz, der heute längst vernarbt ist, mit "Hey, That's No Way To Say Goodbye" von Cohen balsamiert werden. Wer als Kind in Prinzessin Leia verknallt war, der blickte auf den Bildern der gealterten Carrie Fischer auch seinem eigenen Alter ins Gesicht.

So betrachtet kann man den Anfangssatz auch umdrehen: Abschied nehmen bedeutet von einem gewissen Alter an auch weiterleben. Deshalb heißt es tapfer sein, denn "Glamorama" erscheint hier zum letzten Mal. Zum Trost: Im nächsten Jahr steht in der "SZ am Wochenende" an dieser Stelle wieder zu lesen, wofür sich die meisten Leute interessieren: die Rubrik "Leute".