Gladbecker Geiseldrama Im Rausch der Tiefe

Es ist Manfred Protze, Korrespondent der dpa im Büro Oldenburg, eher zufällig ist er in diese günstige Position geraten. Als Rösner sich in die Enge getrieben fühlt von dem Taxi, lässt er den Bus anhalten und schießt. Protze und dem Fahrer passiert nichts, jedenfalls nichts, was man sehen könnte.

Reporter befragen die Geiselnehmer immer wieder.

(Foto: Foto: dpa)

Manfred Protze ist im Vorruhestand, er lebt in Oldenburg und will eigentlich nichts mehr sagen zu dem Thema. Es ist ein tastendes Gespräch, auf das er sich schließlich einlässt, das meiste, was er sagt, soll nicht gedruckt werden, er will keine Nabelschau, die persönliche Verarbeitung soll draußen bleiben. Er macht nicht den Eindruck, einer zu sein, der durchgeknallt war damals. Man kann auch in eine solche Lage geraten, wenn man nur seinen Job machen will.

Er hat die Täter nicht interviewt, er hat nicht in das Geschehen eingegriffen. Protze hebt das Thema auf eine allgemeinere Ebene. Er sagt, dass Journalisten damals in der Ausbildung nicht vorbereitet wurden auf solche Situationen, und er fragt, ob das heute anders ist.

Mit einem Erdbeben anfangen und sich langsam steigern

Eine journalistische Regel für eine gute Geschichte ist: Mit einem Erdbeben anfangen, und sich dann langsam steigern. Beim Geiseldrama tun die Journalisten alles dafür, dass es eine gute Geschichte wird. Am Morgen des 18. August, die Täter haben inzwischen den Bus gegen einen BMW getauscht, steht dieser BMW in der Breiten Straße in Köln. Rösner am Steuer, Löblich auf dem Beifahrersitz, Degowski hinten mit den zwei Geiseln, die sie noch haben. Ines Voitle und Silke Bischoff.

Die Gangster sind ziellos gefahren, aber sie sind wieder bei ihren Begleitern angekommen: Die Breite Straße liegt im Kölner Medienviertel, das Boulevardblatt Express liegt praktisch gegenüber. Beim Express sortiert der stellvertretende Chefredakteur Udo Röbel gerade Agenturmeldungen, in allen geht es um die Geiselnahme, da stürmt der Bürobote rein und sagt: "Die stehen da unten!"

Und Udo Röbel macht sich auf den Weg.

Ein Sommertag in Hamburg. Man hätte in ein besseres Restaurant gehen können, sagt Udo Röbel, aber zu Hause ist was mit den Wasserleitungen nicht in Ordnung, jetzt sind die Klempner da. Er muss im Notfall mal schnell rüberlaufen können, deswegen bleibt nur der Call-a-Pizza-Laden an der Ecke gleich bei seiner Wohnung. Röbel bestellt Apfelschorle und eine Pizza.

Damals trug er die Haare kurz. Krawatte, Streberbrille. Dass er an etwas anderem als an dieser Geschichte interessiert war, kann sich keiner vorstellen, der ihn auf den alten Bildern sieht. Er wirkt nicht berührt. Er hält die ganze Zeit einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand.

Die Bilder sehen scheiße aus, oder?

"Ja, klar. War ja auch scheiße."

Röbels Augen blicken immer etwas müde, die Haare trägt er jetzt länger, zwischendurch hatte er sogar mal einen Zopf. Er ging später weg vom Express, wurde Chefredakteur von Bild, inzwischen schreibt er Krimis. Röbel ist ein aufmerksamer Mann, er spricht leise, in weichem pfälzischen Dialekt. Wenn er über die Mädchen damals im Auto redet, sagt er Mädschen.

Über seine Rolle im Geiseldrama hat er mal in Hinz und Kunzt geschrieben, einer Hamburger Obdachlosenzeitung. Er schreibt darin von "journalistischem Totalversagen", und er relativiert das jetzt nicht. Aber er ordnet es ein. Er wollte diese Geschichte, er hatte sie ja praktisch vor der Haustür gefunden.

Aber muss man für eine Geschichte zu denen ins Auto steigen, die letzte Grenze übertreten? "Rösner hat gerufen: Kannst du uns den Weg zur Autobahn zeigen. Was passiert denn, wenn ich nein sage? Wenn ich sage: Nee, mach' ich nicht." Vielleicht wäre nichts passiert, soll das heißen. Aber vielleicht hätte Rösner sich den Weg ja auch freigeschossen.

Profilieren musste Röbel sich damals nicht mehr, kurz vorher hatte er den Wächterpreis gewonnen, weil er herausgefunden hatte, dass der General Kießling zu Unrecht als Homosexueller verdächtigt und vom Verteidigungsminister entlassen worden war. Er hatte geschnüffelt damals, ähnlich wie in Gladbeck, seine große Leistung und sein Versagen sind an der Wurzel verwandt.

Reporter des Satans

"Den Wächterpreis hätte ich nie bekommen ohne diesen unethischen journalistischen Ansatz, der den Boulevardmenschen immer vorgehalten wird. Unser höchster General tanzt in Frauenkleidern auf dem Tisch, es gab ja Gerüchte, dass es solche Szenen gegeben hat. Das Foto wollten wir haben, oder die Geschichte." Und dann kam beim Durchkämmen der Schwulenviertel das Gegenteil heraus, das schrieb er auf. Röbel hatte viel erreicht mit seiner Art des Journalismus, was kann man mehr erreichen, als einem verzweifelten Mann seine Würde zurückzugeben?

Wollte er jetzt diese Mädchen unmittelbar retten und nicht, wie den General, über den Umweg einer glücklichen Recherche? Udo Röbel raucht und denkt. Er sagt, es war ein Rausch. Es gab da kein Nachdenken mehr. "Wir waren alle kollektiv durchgeknallt." Er hat die Frage nach dem Warum oft gestellt bekommen, drängend am Anfang.

Er war der Reporter des Satans, so nennt er sich selbst, er überzieht ein bisschen, man merkt, dass er gute Bild-Schlagzeilen getextet hat. Schließlich sagt er: "Nach wie vor versuche ich, das Recht für mich in Anspruch zu nehmen, dass es neben dem storygeilen Reporter auch noch eine andere Ebene gab, und die Frage: Was kann man tun für diese beiden Mädchen?" Er muss in Kauf nehmen, dass man nicht leicht erkennt, ob es damals überhaupt jemanden gab, der was für die Mädchen getan hätte.

Auf Seite 3: Was bleibt von Gladbeck