Gladbecker Geiseldrama Im Rausch der Tiefe

Gladbeck, vor 20 Jahren: Zwei Gangster rasen quer durch die Republik. Die Medien rasen mit. Beim Geiseldrama verletzen die Journalisten viele Grenzen. Wer damals mittendrin war, sucht heute nach Distanz.

Von H. Gertz

Am 16. August 1988 sitzt abends ein Mann von der Einsatzleitung der Kripo Gladbeck auf einem Podium und spricht zu den Journalisten, er heißt Friedhelm Meise, und man hört ihm an, dass für ihn Auftritte wie diese nicht alltäglich sind. Er sagt: "Wir müssen, und deshalb appellieren wir jetzt schon mal an Sie, bis zur Freilassung der Geiseln oder deren Befreiung Sie bitten, nichts über den aktuellen Stand mitzuteilen."

Geiselnehmer Dieter Degowski posierte mit einer Waffe in einem Linienbus in Bremen.

(Foto: Foto: AP)

Es ist ein Appell, der nicht wie eine entschlossene Aufforderung klingt, sondern wie der holprig vorgetragene Wunsch eines Mannes, der weiß, dass dieser nicht erfüllt werden wird.

Das Verbrechen, bald wird es nur noch Gladbecker Geiseldrama heißen, hat gerade erst begonnen, und von Anfang an sind diejenigen beteiligt, die Meise nun einzufangen versucht, Journalisten und Reporter, sie sollen beobachten, aber sie greifen längst ins Geschehen ein. Am Ende sind zwei Geiseln tot, und es ist die Frage, ob es so weit hätte kommen können, wenn die Journalisten sich anders verhalten hätten.

Am Vormittag dieses Tages haben die beiden Gangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, ein Krimineller und sein Gehilfe, in einer Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck zwei Geiseln genommen, bald darauf lassen sie die Geiseln bei Sendern und Zeitungen anrufen, um die Forderungen mitzuteilen. 300.000 Mark, den zweiten Tresorschlüssel und ein Fluchtfahrzeug.

Redaktionen, die nicht angerufen werden, rufen selbst dort an, die Nummer der Bank steht im Telefonbuch. Man verlangt, die Geiseln zu sprechen, oder die Geiselnehmer, und weil Rösner, ein stadtbekannter Verbrecher, nicht viel gelernt hat, aber ganz gut reden kann, und weil er nichts mehr zu verlieren hat, spricht er am Telefon mit den Journalisten, und was er sagt, läuft über die Ticker und wird gesendet.

Rösner hat die Stimme eines Desperados, und als ihn die ersten Fernsehkameras ins Bild nehmen, verschwommen erst noch durch die Glastür dieser Bank, kann man erkennen, dass er auch wie einer aussieht: bärtig, strähniges Haar, tätowiert.

In den Achtzigern sind Tattoos kein bürgerlicher Körperschmuck, sondern noch Menschen vorbehalten, die ihren Bruch mit dem Regelwerk der Gesellschaft vorzeigen wollen. Einem Tätowierten zu begegnen heißt, das Böse zu sehen. Die Journalisten wollen es sehen, und das Publikum will es auch sehen. Die Auflagen der Zeitungen werden hoch sein in den Tagen des Dramas, die Sendungen massenhaft Zuschauer haben. Es ist ein Bedarf da, der erfüllt wird.

Als der Fluchtwagen aufgetankt vor der Bank steht, am 16. August, zehn vor zehn am Abend, treten die Gangster zu einer Reise durch das Land an, vom Westen in den Norden, über die Grenze nach Holland und zurück in den Westen, nach Köln, schließlich auf die Autobahn, Richtung Bad Honnef.

Sie wechseln die Geiseln und die Autos, nehmen zwischendurch noch Rösners Freundin Marion Löblich auf, sie begegnen vielen Polizisten, die nicht zugreifen, als es möglich ist, und sie begegneten Journalisten, die zu sehr zugreifen, auf das Material, das sich ihnen bietet.

Warum? 20 Jahre später sitzt Udo Röbel, einer der Reporter, die damals nicht nur berichtet haben, sondern Teil des Geschehens wurden, in einer Pizzeria in Hamburg und sagt, in den Rauch einer Zigarette hinein: "Wir waren alle kollektiv durchgeknallt."

Der Fernsehjournalist Michael Gramberg hat, Jahre später, in einer Dokumentation die Aufzeichnungen der Sender aus den Archiven befreit und belegt, wie sich die Branche im Zustand des kollektiven Durchgeknalltsein präsentierte. Als die Gangster nach Bremen kommen, berichtet Radio Bremen, die Moderatorin der Nachrichtensendung sagt: "Das aufsehenerregende Geiseldrama von Gladbeck ist keineswegs zu Ende, besonders nicht für uns, im Gegenteil: Denn heute kamen die Gangster nach Bremen." Es klingt, als würde ein Tourneebericht anmoderiert: Heute kamen die Beatles nach Bremen.

Das deutsche Fernsehen zeigt den inzwischen gekaperten Linienbus. Die Menschen im Bus, Plastiktüten von Spar auf dem Schoß. Es zeigt Rösner, wie er die Banknoten aus dem Lösegeld überprüft. Er gibt Interviews. Das Fernsehen begleitet den Bus auf seiner Fahrt zur Autobahnraststätte Grundbergsee, auf der Bustür pappt ein Aufkleber: "Bremer kommen immer gut an." Es zeigt Dieter Degowski mit Silke Bischoff, einer Geisel aus dem Bus, vor der Raststätte, er hält sie mit seiner Waffe in Schach. Ein Reporter steht dabei. Er fragt: "Wie geht es Ihnen mit der Pistole am Hals?"

Kurz darauf wird Degowski im Bus einer Geisel in den Kopf schießen, dem 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi, weil die Polizei - einer ihrer unzähligen Fehler - die Komplizin Marion Löblich festgenommen hatte und sie nicht rechtzeitig zum Bus zurückbrachte.

Aber auch die Bilder vom sterbenden Jungen sind nur Versatzstück in einem Roadmovie, die wilde Fahrt geht weiter, Richtung Holland, die Journalisten versperren der Polizei den Weg. Irgendwann reiht sich ein Journalist in die Kolonne ein, in einem Taxi sitzend.

Auf Seite 3: Röbels Rolle im Geiseldrama

Das Geiseldrama von Gladbeck

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