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Prinz Andrew und die Festnahme von Ghislaine Maxwell:Freundliche Einladung von der Staatsanwältin

Audrey Strauss

Bundesstaatsanwältin Audrey Strauss will Prinz Andrew zu einer Zeugenaussage zum Missbrauchsfall um Jeffrey Epstein.

(Foto: AP)

Die in den USA festgenommene frühere Epstein-Freundin könnte mit den Behörden kooperieren und auspacken. Der Druck auf Prinz Andrew steigt, alles zu sagen, was er weiß. Noch gilt er nur als Zeuge.

Von Cathrin Kahlweit, London

Der Krieg der Worte zwischen Prinz Andrew, seinen Anwälten und dem Buckingham Palace auf der einen - und dem Büro des Anwalts der Vereinigten Staaten für den Südbezirk von New York auf der anderen Seite des Ozeans geht weiter: Kaum war am Donnerstag die Freundin und mutmaßliche Gehilfin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, Ghislaine Maxwell, in New Hampshire verhaftet worden, stellte sich Audrey Strauss, die amtierende Bundesstaatsanwältin, vor die Presse und schickte eine Botschaft über den Atlantik: "Wir würden uns freuen, wenn der Duke of York herkäme und mit uns spräche."

Ihre Tür bleibe offen, und man würde es doch sehr begrüßen, wenn er eine Aussage mache. Prinz Andrew gilt nicht als Beschuldigter in dem komplexen Verfahren, auch wenn eines der Opfer von Epstein ihm vorwirft, es 2001 in London missbraucht zu haben. Er bestreitet das vehement.

Die Äußerung der Staatsanwältin klang zwar nach einer freundlichen Einladung, war aber nicht sonderlich nett gemeint. Immerhin hatte sich der Vorgänger von Strauss, der unlängst von Donald Trump gefeuerte Geoffrey Berman, mehrmals öffentlich darüber beschwert, dass man Andrew nicht erreiche und er sich der Befragung entziehe. Andrews Anwälte ließen empört wissen, das sei nicht wahr, zweimal habe man im vergangenen Monat versucht, mit den US-Behörden Kontakt aufzunehmen - aber keine Antwort bekommen.

FILE PHOTO: Britain's Prince Andrew leaves St. Mary the Virgin church in Hillington

Der Vorgänger der jetzt ermittelnden Staatsanwältin hatte Prinz Andrew mangelnde Kooperation vorgeworfen.

(Foto: Chris Radburn/Chris Radburn/Reuters)

In den USA standen - anders als in Großbritannien, wo fast alle Zeitungen am Freitag mit dem wachsenden Druck auf den Royal in der Causa Epstein aufmachten - andere Aspekte im Mittelpunkt der Berichterstattung über die Festnahme von Maxwell.

Ihr wird vorgeworfen, sie habe sich mit jungen Mädchen absichtlich angefreundet

Die Ermittler hatten nach dem Suizid Epsteins, der nach einem ersten Verfahren in den Nullerjahren ein zweites Mal 2019 wegen Missbrauchs Minderjähriger und Menschenhandels verhaftet worden war, offenbar die ganze Zeit gewusst, wo sich Maxwell aufhielt. Sie verfolgten nach, wohin sie ihre Auslandsreisen führten, auf welche Konten sie ihre Millionen hin und her transferierte, unter welchen Namen sie Mobilfunkverträge abschloss und Essen bestellte.

Die riesige, abgeschieden liegende Villa, in der die Britin zuletzt lebte, soll sie mit Bargeld bezahlt haben. Nachdem die Polizei sie am Donnerstagmorgen festgenommen hatte, wurde sie in New Hampshire dem Haftrichter vorgeführt, sollte aber nach New York verlegt werden. Da in den Augen der Ermittler Fluchtgefahr besteht, dürfte die Tochter des verstorbenen Medienmoguls und Millionärs Robert Maxwell in Haft bleiben. Ihr drohen bei einer Verurteilung bis zu 35 Jahre Gefängnis.

Der langjährigen Freundin Epsteins wird vorgeworfen, sie habe sich mit jungen Mädchen absichtlich angefreundet und diese dann zu sexuellen Aktivitäten mit Epstein gedrängt. Sie habe sich das Vertrauen Minderjähriger erschlichen, mit ihnen über Sex gesprochen, sich selbst vor ihnen ausgezogen, um ihnen die Scheu zu nehmen, und teils auch an den Missbrauchshandlungen teilgenommen. Maxwell soll ganze Wohnviertel abgefahren sein und nach Mädchen Ausschau gehalten haben, die für Epstein infrage kamen. Diese Aktivitäten werden auch "Grooming" genannt: die Manipulation von Menschen mit dem Ziel der Ausbeutung. Die Anklagepunkte, die sich auf die Zeit von 1994 bis 1997 beziehen, lauten unter anderem auf "Verführung Minderjähriger". Sie soll sie auch zu Reisen für illegale sexuelle Aktivitäten gedrängt und ihren "Transport für kriminelle sexuelle Handlungen" organisiert haben. Sie habe zudem zweimal unter Eid gelogen.

Ex-Partnerin von Jeffrey Epstein festgenommen

Soll die Frauen, die sie Epstein zuführte, vor Schulen und in Einkaufsstraßen angesprochen haben: seine frühere Freundin Ghislaine Maxwell.

(Foto: Jim James/Jim James/dpa)

Maxwell selbst bestreitet alle Vorwürfe - obwohl die Polizei seit Jahren Material gegen sie sammelt und Hunderte Zeugenaussagen vorliegen hat. In der Netflix-Dokumentation "Jeffrey Epstein - Filthy Rich" wird vieles davon bedrückend deutlich: Mutmaßliche Opfer erzählen ausführlich, wie sie von Maxwell vor Schulen oder in Einkaufsmeilen angesprochen wurden, wie sie ihr Vertrauen erwarb, sie Epstein zuführte, Zweifel wegredete, für Geld und Flugtickets sorgte, wenn die Mädchen zu anderen Orten und anderen Sexualpartnern geflogen wurden - und wie sie massiven Druck ausübte, sobald sich die jungen Frauen wehrten oder Anzeige erstatteten. Einige berichten, sie seien von Ghislaine Maxwell mit dem Tod bedroht worden.

"Viele Leute werden sich jetzt große Sorgen machen, denn sie weiß alles"

Ein ehemaliger Vertrauter und Mentor Epsteins, der Finanzinvestor Steven Hoffenberg, sagte der britischen Boulevardzeitung The Sun, dass Maxwell sicher voll mit den US-Behörden kooperieren werde. Hoffenberg hatte Epstein als jungen Mann in sein Unternehmen geholt, das ein finanzielles Pyramidensystem betrieb; obwohl Epstein an dem langjährigen Betrug maßgeblich mitwirkte, musste nur Hoffenberg dafür 18 Jahre ins Gefängnis. Er kennt Maxwell gut und meint nun, sie werde "in Haft in zwei Sekunden" zusammenbrechen. Sie werde "kooperieren und sehr wichtig sein. Viele Leute werden sich jetzt große Sorgen machen, denn sie weiß alles." Mit Blick auf Prinz Andrew zitiert die Sun den Finanzjongleur, dieser habe die Sache "sehr schlecht gehandhabt. Er hätte mit den Ermittlern reden sollen, zumindest über seine Anwälte, und ihnen sagen sollen, was er weiß."

Der Duke of York hatte vergangenes Jahr in einem BBC-Interview zwar bestätigt, Maxwell gut zu kennen, aber keine Kenntnis über etwaige Sexualdelikte zu haben. Er wirkte in dem Gespräch so unglaubwürdig, dass es als "Car Crash", als besonders peinliches Autounfall-Interview in die britische Mediengeschichte einging.

© SZ/olkl

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