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Gewalt in Berlin:Überfall auf dem Disco-Klo

Zuerst bekam er eine Faust ins Gesicht, dann eine Flasche über den Kopf, vielleicht bleibt er auf einem Auge blind: Der Kenianer Jimmy C. wurde in einem Berliner Club verprügelt, womöglich war Ausländerfeindlichkeit das Motiv. Der ermittelnden Polizei wirft er nun Ignoranz und Zeitverschwendung vor.

Von Viktoria Großmann

Etwa 150 Leute zog es am vergangenen Freitagnachmittag zur Diskothek Q-Dorf in Berlin-Charlottenburg. Nur spielte die Musik nicht drinnen auf der Tanzfläche, sondern draußen auf der Straße. Es war Musik für Jimmy C., einen 40-Jährigen aus Kenia, der in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember im Q-Dorf von drei Männern überfallen und schwer verletzt wurde - die Täter hätten, sagt C., "Scheiß-Ausländer" geschrien.

Der interkulturelle Verein "New Generation", der zu der Demo aufgerufen hatte, wirft der Polizei vor, viel zu langsam reagiert zu haben. Sonja Prinz, die Leiterin des Vereins, behauptet, dass die Polizei erst auf Berichte über den Überfall in der Lokalpresse hin begann, die Täter im rechtsextremen Milieu zu suchen.

Jimmy C. arbeitet seit zwei Jahren als Reinigungskraft. Gegen Mitternacht, sagt er, seien die Angreifer in den Toiletten des Clubs aufgetaucht. Einer habe ihn zu sich gerufen, erzählt C. Er sei hingegangen, um zu hören, wie er dem Mann helfen könne. Weil es laut war, habe er sich zu dem Mann gebeugt. Da habe dieser unvermittelt zugeschlagen. Ein zweiter Mann habe ihm eine Flasche ins Gesicht gestoßen und so schwer verletzt, dass er auf einem Auge möglicherweise blind bleibe. Keine zwei Minuten habe das Ganze gedauert, sagte C. Zwar seien ständig Leute gekommen und wieder gegangen, doch zum einen seien die meisten betrunken gewesen, zu anderen sei es im Q-Dorf laut gewesen.

Jimmy C. schaffte es schließlich, wegzulaufen und die Security-Männer der Diskothek zu alarmieren. Die Täter jedoch waren da schon im Gedränge verschwunden. Die Security rief, wie in Berlin üblich, die Feuerwehr an, die Rettungssanitäter schickte. Die Polizei erklärte, sie sei von der Feuerwehr verständigt worden. Und hier fangen die Fragen an.

Jimmy C. sagt, erst Stunden nach dem Übergriff hätten die Polizisten ihn im Krankenhaus befragt - und nur kurz drei Fragen gestellt: Wie heißen Sie? Wie alt sind Sie? Und: Wie viele waren es? Später, nach seiner Operation, hätte er die Beamten dann nicht mehr erreichen können, weil sie ihm keine Telefonnummer und keine Adresse hinterlassen hätten. Ein Polizeisprecher erklärte, es sei üblich, nur zu fragen, was passiert sei. C. habe nichts von fremdenfeindlichen Äußerungen gesagt. Nachgefragt hätten die Polizisten nicht. Es habe "Verständnisschwierigkeiten fremdsprachlicher Art" gegeben. Jimmy C. spricht Englisch und etwas Deutsch. Wie die Männer ihn beschimpft haben, kann er auf Nachfrage akzentfrei wiedergeben.

Erst am 3. Januar vernimmt die Polizei Jimmy C. erneut, wenige Stunden, bevor er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Da hat die Lokalpresse bereits über den Fall berichtet. Nun wird C. vom Landeskriminalamt befragt: Es besteht der Verdacht, dass hinter der Tat ein politisches Motiv steckt. Jimmy C. sagt, er verstehe nicht, warum die Polizei so lange gewartet habe. Er empfindet das als "Ignoranz".

Der Kenianer sagt, er sei in den fünf Jahren, die er in Deutschland lebt, noch nie tätlich angegriffen worden. Er hat in Berlin die kenianische Kirchengemeinde mitgegründet. Er ist verheiratet, hat Kinder. Eigentlich, sagt er, sei er bildender Künstler. Hier kümmert er sich um die kenianische Außenstelle des Vereins New Generation und engagiert sich für die Stromversorgung in seiner Heimat.

Seit dem Überfall habe er auf der Straße Angst, sagt Jimmy C. Und nachts träume er von denen, die ihn überfallen haben. Das LKA sucht jetzt Zeugen der Tat. Bisher gebe es nur einen einzigen Hinweis.

© SZ vom 07.01.2013/webe
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