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Gewalt gegen Rettungskräfte:Beleidigt, bedroht, verprügelt

Gaffer behindern Rettungsmaï¬'nahmen

Bremervörde, Niedersachsen, im Juli 2015: Drei Männer behindern nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte.

(Foto: Theo Bick/dpa)
  • Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum sind 64 Prozent der Feuerwehrleute und Rettungssanitäter in NRW in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Gewalt geworden.
  • Die Gewalt geht fast immer von Patienten aus, meist stehen sie unter Drogen oder sind betrunken.
  • Experten betonen aber auch, dass manche Rettungskräfte mit schwierigen Situationen falsch umgehen und sie dadurch im schlimmsten Fall befeuern.

Der Rettungsassistent Robert Russell, der in Frankfurt im Bahnhofsviertel für die Johanniter Einsätze fährt, hat so etwas auch schon erlebt: Angriffe auf Rettungskräfte. Auf diejenigen, die gekommen sind, um zu helfen. Einmal, erzählt er, bemerkte er während des Transports eines Bewusstlosen ins Krankenhaus beim zufälligen Blick über den Rückspiegel in den hinteren Teil des Wagens, dass der Patient aufgewacht war - und gerade seinen Kollegen würgte. Russell konnte gerade noch zu Hilfe eilen.

Wenn man in den vergangenen Wochen die Nachrichten verfolgt hat, konnte man den Eindruck bekommen, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute seien auf Deutschlands Straßen Freiwild. Vor allem in der Silvesternacht kam es in vielen Städten zu Angriffen auf Rettungskräfte und Polizisten; in Berlin wurde die Besatzung eines Rettungswagens gar mit Schusswaffen bedroht. Sind sowohl die bloße Zahl als auch die Aggressivität der Übergriffe gegen Rettungskräfte tatsächlich auf beunruhigende Weise gestiegen? Oder wird die Wahrheit dramatisiert, womöglich im Interesse der Berufsverbände?

"Das geht verbal los. Beschimpfungen sind alltäglich"

Robert Russell ist 37 Jahre alt, er arbeitet seit 17 Jahren im Rettungsdienst. Er sagt, Gewalt sei bei Einsätzen natürlich nicht der Alltag. "Ich habe aber die Empfindung, dass die Gewalt uns gegenüber zugenommen hat. Das geht schon verbal los. Beschimpfungen sind alltäglich."

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Dass Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge, wie in der Silvesternacht, mit Böllern und Raketen beschossen werden, dass Rettungskräfte beleidigt und körperlich attackiert werden, ist allerdings kein Phänomen der letzten Monate. Solche Angriffe gab es immer, das bestätigen im Gespräch alle Betroffenen. In den letzten Monaten häuften sich allerdings besonders krasse Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte im Einsatz. So demolierte vergangenen November in Berlin ein Mann einen Rettungswagen, der ihm beim Ausparken im Weg war. Die Sanitäter, die ein bewusstloses Kleinkind versorgten, bedrohte er. Im Sommer kam es in Köln zu einem ähnlichen Vorfall: Als ein Mann, der auf der Domplatte kollabiert war, im Rettungswagen behandelt wurde, zerstachen zwei junge Männer die Reifen des Fahrzeuges.

Die Ruhr-Universität Bochum hat in Nordrhein-Westfalen eine Studie durchgeführt, die an diesem Freitag erscheint und deren zentrale Aussage ist: 64 Prozent der Feuerwehrleute und Rettungssanitäter in NRW sind in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von "Gewalt" geworden, also beleidigt, bedroht oder körperlich angegriffen worden. Was für Nordrhein-Westfalen gilt, lässt sich statistisch oft auf Gesamtdeutschland übertragen.

Körperliche Gewalt, wie Schubsen oder Schläge, geht fast immer vom Patienten aus, nicht selten stehen diese Patienten bei Ankunft des Rettungsdienstes unter Drogen oder sind betrunken. Laut Studie stehen die Angreifer in 55 Prozent der Fälle von körperlicher Gewalt unter Alkoholeinfluss; in anderen Studien sind es bis zu 95 Prozent. Diesen Eindruck hat auch Robert Russell von seinen Einsätzen - aber das ist auch nur der eine Teil der Wahrheit.

Betroffene und Experten betonen immer wieder, dass oft auch die Rettungskräfte mit schwierigen Situationen falsch umgehen und im schlimmsten Fall nicht deeskalieren, sondern auf Konfrontation gehen. Der Wissenschaftler Mario Staller, der am Institut für Professionelles Konfliktmanagement in Wiesbaden das Forschungsprojekt "Gewalt gegen Rettungskräfte" leitet, sagt: "Manche Rettungskräfte verhalten sich ungünstig", auch wenn die Schuld natürlich dennoch meist bei der Gegenseite liege. Hört man sich beim Rettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in München um, gibt es dazu auch andere Meinungen. Ereignisse wie die Silvesternacht seien auszuklammern, da sie für den Alltag nicht repräsentativ seien. Auch komme es kaum vor, dass ein Einsatz plötzlich eskaliere. Fast immer könne man mit etwas Erfahrung die Situation einschätzen und bei aggressivem Verhalten von Patienten oder Gaffern entsprechend gegensteuern. Das bestätigen auch die Forschungen Stallers: "Es ist selten so, dass plötzlich der Schlag kommt", meint der Wissenschaftler. "Es gibt häufig eine Vorgeschichte, und deshalb gibt es auch Eingriffsmöglichkeiten." Gerade jüngeren und unerfahrenen Kollegen fiele es aber schwer, richtig zu reagieren, heißt es beim BRK. Dazu kämen Personalmangel und Überstunden und der Umstand, dass die Ausbildung immer schlechter werde.

Robert Russell sagt: Nach der dritten Nachtschicht am Hauptbahnhof reagiere eben nicht mehr jeder ganz gelassen auf Provokationen, erst recht nicht, wenn solche Dinge in der Ausbildung nur kurz oder gar nicht angesprochen wurden. Genau darin sieht auch Staller das Problem: "Um mit einer solchen Situation umzugehen, braucht man emotionale Ressourcen. Die fehlen bei Überarbeitung und kontinuierlicher Belastung."

Rettungskräfte, die Pfefferspray und stichsichere Westen tragen: Auch das ist Teil des Problems

Manche Sanitäter gehen da lieber in die Offensive. Seit Jahren gehören stichsichere Westen und Pfeffersprays für einige Rettungsdienstmitarbeiter zur Standardausrüstung - offiziell zur Abwehr von Hunden. "Ich halte nichts davon", meint Robert Russell. "Allein, dass ich so was dabeihabe, unterstellt anderen eine Bedrohlichkeit." Mario Staller sieht das ähnlich. Pfefferspray und stichsichere Westen hält auch er für den falschen Ansatz. "Das sind Insignien, die das Aggressionspotenzial einer Situation erhöhen und zudem ein Ausdruck von Unsicherheit sind." Wie sollen Sanitäter dann reagieren, wenn sie im Einsatz bedroht und beleidigt werden? "Weghören und nicht darauf eingehen." Nicht einfach, wenn der Anspruch, Ruhe zu bewahren, auf die oft stressige Versorgung eines Patienten trifft.

Zu den besonders nachts häufig alkoholisierten Patienten und Umstehenden kommt bei vielen Einsätzen auch noch eine Erwartungshaltung von Angehörigen dazu. Mehr als die Hälfte der Angriffe, auch das geht aus der Ruhr-Uni-Studie hervor, finden während der Versorgung des Patienten statt. Die Erwartungen an die Helfer sind hoch: "Wir werden als Dienstleister gesehen", sagt Robert Russell.

Ein Dienstleister allerdings ohne Gewährleistung. Reanimationen mit Herzmassage, Beatmung und Defibrillator gelingen im Gegensatz zur Darstellung in Filmen in der Wirklichkeit meist nicht, und wo etwas misslingt, entsteht Frust und bisweilen Aggression. Vor allem dann, wenn es um Leben oder Tod geht.

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