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Gewalt gegen Homosexuelle:Von wegen Toleranz

Wie ernst die Gefahr ist, dokumentiert Finke anhand von Fotos von Opfern: Fünffach gebrochene Kiefer, tiefe Schnittwunden im Gesicht und am Körper sind da zu sehen. "Die Bedrohung gehört zur Alltagserfahrung bei Schwulen und Lesben. Doch bis jetzt ist das immer untergegangen," sagt Finke.

Das liegt auch daran, dass es keine offiziellen Zahlen gibt. Homophobe Gewalt taucht in Deutschland außerdem in keiner bundesweiten Kriminalstatistik auf. Anders ist es in den USA: Dort werden Straftaten gegen die sexuelle Orientierung, "Hate Crimes" genannt, gesondert erfasst.

Dabei muss das Ausmaß an Gewalt gegen Homosexuelle enorm sein: In der Maneo-Umfrage gaben mehr als 40 Prozent der Schwulen an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Gewalt erlebt zu haben. Am häufigsten betroffen sind junge Homosexuelle.

In der sensiblen Phase der Pubertät, in der die Jugendlichen durch ihr Coming-out zusätzlich verletzbar sind, führt das oft zu schweren Traumatisierungen. Dazu kommt, dass Opfer vorurteilsmotivierter Hassgewalt stärker leiden: Die Täter greifen sie in ihrer Identität als Schwuler oder Lesbe an. "Das erschüttert den Betroffenen oft sehr viel mehr als ein Raubüberfall," sagt Finke. Wie schnell der Einzelne mit dem Gefühl der Ohnmacht fertig wird, hänge auch davon ab, wie das Umfeld reagiere.

Gerade deswegen sind Aufklärung und öffentliche Sensibilisierung so wichtig - und haben nicht zuletzt Erfolg: Ein Bremer Lehrer bemerkte auf seinem Schulhof viele schwulenfeindliche Ausfälle. Eine Befragung unter den Schülern ergab, dass 40 Prozent der muslimischen, 23 Prozent der katholischen und zwölf Prozent der evangelischen Jugendlichen Homosexualität für eine Krankheit hielten.

Bei den Nichtgläubigen waren es knapp elf Prozent. Nachdem sich die Schüler ein halbes Jahr mit Homophobie beschäftigt hatten, fanden zwar viele Homo-Küsse immer noch "ekelhaft". Aber zumindest auf dem Schulhof wurden Lesben und Schwule nicht mehr angefeindet.

© SZ vom 27.01.2009/cag
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