Gewalt an SchulenMesser im Klassenzimmer

Lesezeit: 3 Min.

Nach der Bluttat von Lünen stellt sich die Frage: Haben die Schulen ein Gewaltproblem? Nein, sagt der Soziologe Dirk Baier. Aber eine Entwicklung sei erschreckend: Viele Schüler bringen Waffen mit in den Unterricht.

Interview von Nadeschda Scharfenberg

Trauer, Schock, Fassungslosigkeit: Ein Ehepaar trauert am Tag nach dem Messerangriff vor der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen um den getöteten 14-jährigen Schüler.
Trauer, Schock, Fassungslosigkeit: Ein Ehepaar trauert am Tag nach dem Messerangriff vor der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen um den getöteten 14-jährigen Schüler. Guido Kirchner/dpa

An der Käthe-Kollwitz-Schule in Lünen soll ein 15-Jähriger einen 14-Jährigen erstochen haben, es wurde Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Ist körperliche Gewalt ein grundsätzliches Problem an Schulen? Der Soziologe Dirk Baier beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Jugendkriminalität. Er ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und war zuvor drei Jahre lang stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

SZ: Ist die Bluttat von Lünen ein Ausnahmefall oder nimmt die Zahl extremer Gewalttaten an Schulen in Deutschland zu?

Dirk Baier: Unsere Daten sagen: Das ist ein krasser Einzelfall. Die Zahlen von Mord und Totschlag unter Jugendlichen haben sich seit Mitte der 2000er bis heute etwa halbiert. Wenn wir uns explizit den Bereich Schule anschauen, dann ist die Zahl der schweren Gewalttaten deutlich zurückgegangen. Es stimmt nicht, dass es an Schulen brutaler zugeht als früher.

Was genau ist eine "schwere Gewalttat"?

Das beginnt bei schwerer Körperverletzung, also bei Vorfällen, wo es zum Beispiel zu einem Nasenbein- oder Kieferbruch kommt. Da zählen auch Mord und Totschlag dazu, jedenfalls theoretisch. Die Statistiken für die Schulen sind zusammenfassend angelegt, Tötungsdelikte werden nicht separat ausgewiesen. Ich gehe davon aus, dass wir, würden Mord und Totschlag als eigene Kategorie erfasst, in vielen Jahren da eine Null stehen hätten.

Wie kommt es, dass die gefühlte Wahrheit eine andere ist?

Es stimmt: 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung stimmen in unseren Befragungen der Aussage zu, dass die Jugendgewalt steigt. Die Wahrheit ist aber diametral entgegengesetzt. Der Eindruck, den die Menschen haben, kommt zum einen daher, dass die Medien länger und intensiver über Gewaltvorfälle berichten als früher - und verstärkt überregional. Die Fälle werden breiter diskutiert, was auch mit dem Internet und Social Media zusammenhängt. Zum anderen spielen auch die Amokläufe an Schulen eine Rolle, das sind die extremsten Gewalttaten überhaupt. Dieses exzessive Töten und die Diskussion darüber überdecken, dass die Schulen insgesamt sicherer geworden sind.

Trifft das auch auf nicht-körperliche Gewalt zu - Stichwort Mobbing?

Beim verbalen Mobbing - Beschimpfungen in der Realwelt - sehen wir ähnliche Trends wie bei der körperlichen Gewalt: Die Zahl der Fälle geht leicht zurück. Anstiege gibt es beim Cybermobbing, also beim Beleidigen im Internet, über Handys.

Kein Wunder, es hat ja inzwischen fast jeder Schüler ein Smartphone.

Stimmt - aber die Fälle von Cybermobbing steigen immer noch an, obwohl die Ausstattung mit Geräten seit ein paar Jahren konstant geblieben ist. Das Mobbing verlagert sich von der realen Welt ins Internet, weil es einfacher ist, jemanden zu beleidigen, wenn man ihn physisch nicht vor sich hat. Geschrieben hat man schnell mal was.

Kommen wir auf den Täter von Lünen zu sprechen: Er war mit seiner Mutter auf dem Weg zur Schulsozialarbeiterin . Als Motiv gab er an, der 14-Jährige habe seine Mutter "provozierend angeschaut". Was sagt das über die Umstände der Tat aus?

Es ist schwierig, über den konkreten Auslöser zu spekulieren, weil man die familiären Hintergründe nicht kennt. Es heißt, er sei ein verhaltensauffälliger Schüler gewesen.

Polizeibekannt, aggressiv, unbeschulbar.

Das ist vielleicht ein Punkt, wo man sagen kann, dass die Schule sich nicht intensiv genug Gedanken gemacht hat. Wie fühlt sich ein Schüler, der wegen seines Verhaltens schon mal die Schule verlassen musste und zurückkommt? Die Situation empfindet er womöglich als Gesichtsverlust, steht unter Stress. Das ist natürlich null Entschuldigung für die Tat, solche Settings gibt es Tausende Male, und nichts passiert. Trotzdem müssten sich die Schulen ein bisschen mehr dem Thema widmen, wie man mit solchen Schülern umgeht.

Die Lösung heißt oft Schulwechsel.

An der neuen Schule kommt der Schüler schon mit Stigma an. Schulen können das oft gar nicht leisten, solche Schüler wieder unterrichtsfähig zu machen. Da gibt es einen Sozialarbeiter für 1000 Jugendliche.

Was wäre die richtige Herangehensweise?

Es gibt Modellprojekte: eine Art Time-out, wo Sozialarbeiter mit fünf oder sechs Jugendlichen arbeiten. Nicht die Wissensvermittlung steht im Vordergrund, sondern dass man sie dazu bringt, eine Grundstruktur im Tagesablauf zu etablieren, langsam die Motivation zu wecken, Selbstwirksamkeitserlebnisse zu schaffen, die familiäre Situation aufzuarbeiten. Das ist aufwendig, deshalb gibt es das nicht flächendeckend.

Auch wenn die Schule in Lünen die psychische Situation des Täters vielleicht falsch eingeschätzt hat: Eskalieren konnte das nur, weil er eine Waffe dabei hatte.

Ein großes Problem! Bei einer Befragung vor drei Jahren in Niedersachsen hat sich gezeigt, dass jeder elfte männliche 15-Jährige zumindest gelegentlich ein Messer mit in die Schule bringt. Über dieses Thema machen sich die Schulen zu wenige Gedanken.

Was ließe sich denn gegen Messer tun? Taschenkontrollen? Metalldetektoren?

Das amerikanische Modell - ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort ist. Es geht mehr um die Schaffung von Bewusstsein, dass Waffen an Schulen nichts verloren haben.

Aber genau solche Präventionsprogramme gibt es in Lünen, die Käthe-Kollwitz-Schule nennt sich "Schule mit Courage".

Man kann wegen des einen dramatischen Vorfalls nun nicht sagen, dass das alles nicht funktionieren würde. Man sieht ja nicht, was durch entsprechende Programme schon alles verhindert worden ist. Fest steht: Mehr als zwei Drittel der weiterführenden Schulen bieten Gewaltprävention an - und tragen das offensiv nach außen. Das ist ein wichtiger Schritt, dass Gewaltprobleme nicht verschwiegen und versteckt, sondern offen angegangen werden.

© SZ vom 25.01.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: