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Getötete Studentin Tuğçe:"Es tut ihm leid"

Gedenken an Tugce A. in Offenbach

Gedenken an die getötete Studentin Tuğçe. Nun äußerte sich der Hauptverdächtige in dem Fall erstmals.

(Foto: dpa)
  • Erstmals äußert er sich der mutmaßliche Täter im Fall Tuğçe A. zu seiner Straftat: "Es tut ihm leid", ließ Sanel M. über seinen Anwalt mitteilen. Den Tod der Studentin habe er niemals gewollt.
  • Sanel M. hat eine Entlassung aus der Untersuchungshaft beantragt. Die Fahnder befürchten, dass er in Serbien, woher seine Familie stammt, Zuflucht suchen könnte. Sein Anwalt widerspricht, M.s Lebensmittelpunkt sei Deutschland.
  • Seine Freilassung könnte auch für ihn selbst gefährlich sein, da Sanel M. Morddrohungen erhielt.

Von Susanne Höll, Frankfurt

Gut zwei Monate ist es her, dass Sanel M. die Studentin Tuğçe A. auf einem Parkplatz in Offenbach ins Gesicht schlug. Die 22-Jährige stürzte zu Boden und verletzte sich schwer am Kopf. Am 28. November starb sie - ihr Schicksal bewegte die ganze Republik. Sie hatte Zivilcourage bewiesen, war zwei Mädchen zu Hilfe geeilt, die offenbar von drei jungen Männern belästigt wurden. Einer von ihnen war Sanel M.

Er sitzt seither in Untersuchungshaft und hat den Ermittlern bislang kaum etwas gesagt. Seine Anwälte wollten sich bislang öffentlich nicht äußern. Das ändert sich nun. Denn Sanel M. möchte das Gefängnis verlassen, für den 4. Februar haben seine Anwälte einen Haftprüfungstermin beantragt. Und erstmals äußert er sich über seinen Verteidiger öffentlich zu seiner Straftat. "Es tut ihm leid", sagte sein Rechtsbeistand Stephan Kuhn der Süddeutschen Zeitung. Den Tod der Studentin habe sein Mandant niemals gewollt. Diese Botschaft hätten er und seine Kollegen der Familie von Tuğçe auch schon unmittelbar nach der Tat schriftlich übermittelt.

Bei seiner Vorführung vor dem Haftrichter im November hatte Sanel M. in einer, wie Ermittler sagten, ziemlich kurzen und etwas verworrenen Erklärung zugegeben, die Studentin geohrfeigt zu haben. Er sagte auch, sie habe ihn beleidigt. Die Tat selbst wurde von einer Videokamera auf dem Parkplatz vor einem Schnellimbiss aufgezeichnet. "Dieser Sachverhalt ist klar", sagt Anwalt Kuhn. Und er findet, dass es gute Gründe gebe, seinen Mandaten nun auf freien Fuß zu setzen. Verdunkelungsgefahr bestehe nicht, schließlich habe Sanel M. den Schlag bereits zugegeben.

Und was ist mit der Fluchtgefahr, die die Ermittler angeblich befürchten? Die Familie des Tatverdächtigen stammt aus Serbien, die Fahnder sorgen sich nach einem Bericht der Bild-Zeitung, Sanel M. könnte dort Zuflucht suchen und sich dem Prozess in Deutschland entziehen. Anwalt Kuhn widerspricht. "Unser Mandat hat seinen Lebensmittelpunkt in Offenbach. Dort leben und arbeiten seine Eltern, dort sind seine beiden jüngeren Geschwister und seine Freunde, dort hat er sein bisheriges Leben verbracht."

Der Verdächtige will sich ausführlicher äußern

Der Haftprüfungstermin soll nach bisheriger Planung am Mittwoch kommender Woche vor dem Amtsgericht in Offenbach stattfinden. Dort will sich der Verdächtige nach Angaben seines Anwalts auch ausführlicher zu den Vorgängen in jener Nacht in dem Offenbacher Schnellimbiss äußern, in der er und seine beiden Kumpel betrunken waren. 1,6 Promille Alkohol soll der 18-Jährige zur Tatzeit im Blut gehabt haben. Die jungen Männer hatten den Geburtstag von Sanel M. nachgefeiert.

In dem Schnellimbiss machten die drei Zwischenstation. Unbestritten ist inzwischen, dass der Verdächtige und zumindest einer seiner Freunde zwei junge Mädchen in der Toilette des Schnellrestaurants ansprachen. Die fühlten sich nach einer Weile belästigt; angeblich wurden sie laut; Tuğçe A., die mit Freundinnen in dem Imbiss saß, wurde aufmerksam und eilte den Mädchen zur Hilfe. Eine knappe halbe Stunde später trafen die beiden Gruppen auf dem Parkplatz erneut aufeinander. Es soll Wortwechsel gegeben haben; wer was genau sagte, ist umstritten. Dann schlug Sanel M. zu. Er ist in Offenbach polizeibekannt, auch wegen eines Gewaltdelikts.

Der Zeitplan für die Haftprüfung könnte aber noch ins Wanken geraten. Denn die Staatsanwaltschaft Offenbach will beim Landgericht Darmstadt alsbald Anklage erheben. Der Vorwurf wird nach aktuellem Stand lauten: Körperverletzung mit Todesfolge. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird gegen ihn nach Jugendstrafrecht verhandelt. Die Anklage wird in den ersten Februartagen erwartet; gut möglich, dass dann nicht das Amtsgericht Offenbach, sondern die zuständige Strafkammer in Darmstadt über seine Freilassung entscheiden muss.

Sollte Sanel M. tatsächlich freigelassen werden, müssen sich die Behörden womöglich intensiv um ihn kümmern. Denn er hat nach der Tat und dem Tod der Studentin Drohungen erhalten, bis hin zum Mord. Für die Sicherheit seines Mandaten, so sagt Anwalt Kuhn, müsse notfalls die Polizei sorgen.

© SZ vom 27.01.2015/dayk
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