Gesundheit Hoch die Hände, Wochenende!

Deutsche Bundesliga-Vereine wie Schalke 04 öffnen ihre Anlagen, um ihren Fans beim Abnehmen zu helfen. Denn: Naschen ja, Bewegung nein, das gilt für zu viele Sportbegeisterte. Besonders Männer ab 30 sind betroffen.

Von Thomas Hahn

Der Fußballfan Francesco Mattone hat keine Angst davor, die Wahrheit über seinen Körper zu sagen. Er ist zu dick, Tatsache, und seit Donnerstag wissen das nicht nur seine Freunde in Gelsenkirchen. Am Donnerstag hat Francesco Mattone nämlich an einer Pressekonferenz bei seinem Herzensverein FC Schalke 04 teilgenommen. Thema war das Projekt "Fußballfans im Training", welches der Bundesligist ab nächster Woche mit der Deutschen Krebshilfe und dem Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung umsetzt (IFT-Nord).

Mattone gehört zu den 40 Auserwählten, die bei zwölfwöchigen Aktiv-Seminaren eine gesündere Lebensweise lernen sollen. Er sollte der Aktion ein Gesicht geben, sein Übergewicht war sozusagen der Star des Pressetermins. Mattone sprach darüber. Der frühere Fußballprofi Martin Max durfte vor laufender Kamera seinen stattlichen Bauchumfang vermessen. Und auch am Tag nach seinem großen Auftritt als Ebenbild des dicken Deutschen mit beträchtlichem Medienecho fürchtet sich Mattone nicht vor dem öffentlichen Blick auf seine Pfunde. Im Gegenteil. "Ich möchte gerne darüber sprechen."

Franceso Mattone, 47, im normalen Leben Mitarbeiter des Jobcenters Gelsenkirchen, stellt sich damit in den Dienst einer Initiative, die ein großes Thema der Überflussgesellschaft aufgreift. Wenn ein Bundesligist seine Fans aus dem Bierdunst der Stadiontribünen holen will, damit die auch mal schwitzen, mag das für manche zunächst wie bloße Fußball-PR wirken. Wie ein lustiges Rollenspiel, bei dem sich ausnahmsweise nicht die Berufsfußballer anstrengen müssen, sondern deren bisweilen überkritische Betrachter.

Stress auf der Tribüne, schlechte Ernährung und unzureichend Bewegung: Viele Fußballfans leben nicht unbedingt gesund. Das soll sich nun ändern.

(Foto: imago)

Aber der Hintergrund des Projekts ist ernst. Starkes Übergewicht ist eine Wohlstandsseuche, die sich in einer Welt voller Autos, Rolltreppen und sitzenden Tätigkeiten ausgebreitet hat. Die viele Menschen krank macht und laut Deutscher Krebshilfe auch das Krebsrisiko erhöht. Gesunde Ernährung und Bewegung sind die Säulen zur Vorbeugung, was logisch ist und trotzdem nicht automatisch ins Bewusstsein vieler Konsumbürger vordringt. Wissenschaftler und Sportverbände kämpfen seit Jahrzehnten für mehr Sportunterricht an den Schulen. Das Bundesagrarministerium bewirbt gerade bei der Grünen Woche in Berlin seine Initiative "In Form". Und das Projekt Fußballfans im Training (FFIT) ist ein weiterer Beitrag in diesem Sinne.

Dabei rückt zunächst der deutsche Mann ab Mitte 30 in den Fokus, denn dessen körperlicher Zustand ist nicht so gut. "Zwei Drittel der erwachsenen Männer sind übergewichtig", sagt Reiner Hanewinkel, Professor am IFT-Nord, "gesundheitlich betrachtet ist der Mann das schwache Geschlecht." Männer haben nach wissenschaftlicher Erkenntnis nicht nur eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen, sondern achten auch weniger auf ihr langfristiges Wohlbefinden. Hanewinkel nennt sie "Vorsorgemuffel", und Francesco Mattone muss einräumen, dass er in dieses Muster passt. Beim SV Rotthausen hat er gekickt, bis er Anfang 20 war. Dann kam der Job, dann die Gemütlichkeit, und bald beschränkte sich seine Fußball-Leidenschaft darauf, jede Regung des FC Schalke anzuschauen, aber Anstrengungen zu vermeiden. "Naschen ja, Sport nein" - so war das bei Mattone.

Erst als er bei einem Dezember-Heimspiel des FC Schalke auf das FFIT-Projekt aufmerksam wurde, änderte sich etwas. Die Aussicht, unter dem Logo seines Klubs zu trainieren, motivierte ihn. Und so zeigt sein Beispiel schon jetzt, dass die Idee des Projekts funktioniert. Sie kommt aus Schottland, wo 30 Profiklubs erfolgreich Training für ihre Fans anbieten. Die Männer sollen dort den Zugang zur Bewegung finden, wo sie am empfänglichsten dafür sind: auf ihrem liebsten Spielplatz - Fußballstadien sind so ein Spielplatz.

Fan Francesco Mattone lässt seinen Bauch von Martin Max vermessen.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Das Projekt greift damit auch die seltsame Doppelbödigkeit des Leistungssports auf. Deutschland ist eine Fernsehsportnation. Das Programm ist voll mit Live-Übertragungen von irgendwelchen Rennen und Spielen. In der kalten Jahreszeit kann der Deutsche praktisch komplette Wochenenden auf der Couch verbringen und Wintersport gucken. Fußball findet für viele vor allem auf einem Bilschirm mit bunten Figuren statt. Einerseits ist das toll: Der Sport bekommt so eine Werbeplattform für sich selbst. Andererseits kann das Zuschauen die Betrachter bequem machen, und irgendwann verlieren sie das Bewusstsein dafür, dass sie auch selbst zum Langlaufen gehen könnten oder mit Freunden zum Kicken. Es ist paradox: Sportfans sind sehr oft auch schwer zu bekehrende Sportmuffel.

FFIT könnte beim Zuschauer eine neue Lust am Selbermachen entfachen. In einem Pilot-Projekt mit dem Drittligisten Holstein Kiel hat das IFT-Nord schon positive Erfahrungen gemacht. Das eigentliche Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Fünf Profiklubs sind dabei, neben Schalke auch RB Leipzig, Bayer Leverkusen, Eintracht Braunschweig und der 1. FC Nürnberg, weitere sollen folgen. Bewerben können sich Männer zwischen 35 und 65, deren Bauchumfang mehr als 100 Zentimeter beträgt. Bis zu 20 Teilnehmer pro Kurs sind vorgesehen. Sie trainieren nicht nur, sondern erhalten auch Unterricht zu den Themen Ernährung und körperliche Aktivität. Die zwölf 90-minütigen Einheiten leiten Trainer des Vereins, auf Schalke ist zum Beispiel der Ex-Profi Max dabei. Für Francesco Mattone geht es nächsten Mittwoch los mit einer Vorsorge-Untersuchung. Die Trainer werden vorgestellt und die Teilnehmer erhalten neben einem Arbeitsbuch einen Schrittzähler, damit sie auch außerhalb des Kurses in Bewegung bleiben. Francesco Mattone hat Respekt vor der Herausforderung. Nach dem großen Medienecho will er auf keinen Fall schlapp machen. Trotzdem sagt er: "Ich freue mich wirklich drauf."