Gestellter Drogenboss:"El Chapo" - das banale Ende einer langen Jagd

Der Fall liefert Stoff für Bücher und Fernsehserien: Mexiko hat den meistgesuchten Mann der Welt gefasst, Joaquín Guzmán. Der Boss des Sinaloa-Kartells war jahrelang untergetaucht - nun verriet ihn ein Anruf.

Von Peter Burghardt

Da war er auf einmal, der Mann, den die Welt suchte. Joaquín Guzmán Loera, alias "El Chapo", der Kurze. Der Spitzname passt, wie plötzlich jeder sehen konnte. Der bis zuletzt mächtigste Rauschgifthändler der Welt ist tatsächlich kaum 1,60 Meter groß. Vermummte Soldaten der mexikanischen Marine drückten seinen Kopf mit dem gepflegten Schnauzbart nach unten, als sie ihn zum Armeehubschrauber führten. Der Griff in den Nacken ließ den 57-jährigen Paten noch kleiner wirken. Zwei weitere Helikopter des Militärs begleiteten dann den Flug nach Mexiko-Stadt, wo Guzmán in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht wurde. Er soll kein zweites Mal entwischen. Denn dies ist das Finale einer langen Jagd.

Der Häftling trug ein blütenweißes Hemd, zuvor hatten ihn seine Verfolger am Samstagmorgen halb nackt aus dem Bett geholt. Um 6.40 Uhr griff die Spezialeinheit zu, es fiel offenbar kein einziger Schuss. Die Festnahme ereignete sich im Hotel Miramar von Mazatlán im Bundesstaates Sinaloa am Pazifik, der Heimat des Patrons. Nach monatelanger Überwachung von Guzmáns Umgebung wagte das Einsatzkommando den Vorstoß in dem Seebad, unterstützt von der US-Antidrogenbehörde DEA. "Meine Anerkennung für die Sicherheitskräfte des mexikanischen Staates", schrieb Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto auf Twitter; ein Eigenlob. Dies ist sein Triumph - und auch der von Washington. Aber warum gelang der Coup jetzt, zwei Tage nach dem Besuch von Barack Obama?

Stoff für Bücher und Telenovelas

Joaquín Guzmán galt als stiller CEO des Sinaloa-Kartells, auch Pazifik-Kartell genannt, einer der bedeutendsten Verbrecherorganisationen der Erde. Das Syndikat aus dem mexikanischen Nordwesten schmuggelt fast die Hälfte des in den USA konsumierten Kokains. Es verdient außerdem mit Marihuana, Heroin und Amphetaminen, bis nach Asien und Europa. Guzmán wurde von Forbes als Milliardär geführt. Sein Einfluss übertraf möglicherweise den des 1993 erschossenen Kolumbianers Pablo Escobar, nur trat er wesentlich dezenter auf. Seit dem Tod von Osama bin Laden stand der Mexikaner auf der internationalen Fahndungsliste ganz oben. In Chicago ist Guzmán sogar "öffentlicher Feind Nummer eins", das hatte seit Al Capone niemand mehr geschafft. Die USA boten fünf Millionen Dollar für ihn.

Sein Aufstieg zur Legende im Schattenreich der organisierten Kriminalität ist Stoff für Bücher und Telenovelas. Guzmán wurde 1957 als Sohn ärmlicher Landwirte in Badiraguato geboren, einem berüchtigten Dorf im Hinterland von Culiacán in der Region Sinaloa. Sein Clan gehört zu den Pionieren der Narcos, der Drogenschmuggler - viele Capos der Szene sind verwandt. In den Bergen der Gegend wachsen Klatschmohn und Cannabis, das Kokain kommt aus Kolumbien, Peru und Bolivien. Guzmán wurde vom Orangenverkäufer zum Kumpan des Schwergewichts Miguel Ángel Felix Gallardo. Nach dessen Verhaftung 1989 entstand die Sinaloa-Gang.

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