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Gestaltung von Bordellen:Die neue Lust am Bau

Augsburg: FKK-Club Cleopatra / Interior-Ausstatterin Sabrina Schuhmacher

Umbau bei laufendem Betrieb: Auch das "Cleopatra" kann eine optische Verbesserung gebrauchen, deshalb arbeitet Sabrina Schuhmacher dort am Design.

(Foto: Johannes Simon)

Rote Plüschsofas und Samtgardinen waren gestern. Die halbe Rotlichtbranche befindet sich im Umbau. Nur: Wie sieht eigentlich ein Puff aus, der gar keiner mehr sein will? Ein Besuch bei Sabrina Schuhmacher, die in Augsburg das Bordell Cleopatra umgestaltet.

Es gibt Architekten, die Siedlungen für den Mars entwerfen. Es gibt Ingenieure, die sich mit unterseeischen Magnetschwebebahnen befassen. Es gibt Designer, die "Drogen-Leuchten" mit eingebauter LSD-Wirkung erfinden.

Und es gibt Sabrina Schuhmacher. Sie gestaltet Bordelle. Bordell-Anbahnzonen. Bordell-Sofas. Bordell-Badewannen. Bordell-Bars. Bordell-Lounges. Bordell-Lampen. Bordell-Betten.

Weshalb sie sich aktuell zum Beispiel Gedanken über die perfekte Bettenhöhe macht - "die Männer werden ja auch nicht jünger in Deutschland." In Augsburg baut sie gerade einen FKK-Club um. Es eilt. In ein paar Tagen soll der Club namens "Cleopatra" fertig sein. Schöner als vorher. Edler. Und "etwas gediegener, eleganter". Sagt Sabrina Schuhmacher. Sagen wir so: Auf jeden Fall wird das Cleopatra etwas weniger rotlichtig aussehen. Was aber nun auch nichts am Geschäftsmodell ändert.

Als einzige Angezogene zwischen vielen Nackten

In einer an bizarren Jobs nicht gerade armen Branche der Gestaltungskunst hat sich die 45-Jährige ein besonders spezielles Spezialgebiet ausgesucht. Übrigens ohne Architektin oder Innenarchitektin zu sein. Mit 16 hat sie eine Grafiklehre im Gong Verlag gemacht. Dort war der Vater Art Director. Sie war im Fotolabor, setzte Schriften, arbeitete im Layout.

Später hat sie Partys organisiert (zum Beispiel für die Bayerische Filmpreisverleihung). Oder sie richtete Clubs ein. Wie das "U2" am Frankfurter Ring in München. In grauer Vorzeit hätte man diesen Club als "Rockschuppen" bezeichnet. Charmanterweise illustriert die U2-Adresse sowohl Sabrina Schuhmachers Wahlheimat (München) wie auch den Geburtsort (Frankfurt).

"Tja, und irgendwann lernt man auf den Münchner Partys eben auch die Leute aus dem Milieu kennen. Für die sollte ich dann ein Bordell in Leipzig gestalten. Ich fand das interessant, damals."

In Leipzig hieß das Bordell "Aphrodite". Das Aphrodisiakum gelang offenbar auch in ästhetischer Hinsicht. Man war zufrieden im Milieu. Und so ist Sabrina Schuhmacher heute nicht nur eine Art Branchenprima, die alle möglichen Bordelle einrichtet oder umplant oder ausbaut oder sonst wie aufhübscht, sondern sie gehört auch zur Minderheit jener Frauen, die sich im Bordell keinerlei Blöße geben. In Augsburg wird sie deshalb liebevoll "Flitzer" genannt. Nicht weil sie nach Flitzer-Art nackt durch eine Szenerie Angezogener rennt, sondern weil sie umgekehrt angezogen in einer Szenerie Nackter arbeitet.

Das sind derzeit die Mitarbeiterinnen vom "Wellnessclub Nummer 1 in Augsburg", genauer: Cleopatra. Wobei die Mitarbeiterinnen ausweislich der Homepage des Bordells auch als "internationale Top Girls" firmieren und entsprechende Arbeitskleidung tragen. Nämlich gar nichts. Außer High Heels, die tatsächlich so aussehen, als benötigte man dafür einen Waffenschein, weil der Absatz die Form eines Revolvers hat.

Im Fachbuch für Bauentwurfslehre fehlt der Eintrag für Bordell. Es wird Zeit, dass sich das ändert

Sabrina Schuhmacher, die sämtliche Top Girls herzlich begrüßt, wirkt hier wie zu Hause. Es geht auf elf Uhr zu, Arbeitsbeginn (eines Tages, der erst im Morgengrauen zu Ende geht). Als Besucher und Cleopatra-Neuling konzentriert man sich dankbar auf die ausgebreiteten Pläne in der Lounge.

"Also", erklärt die Planerin, "hier kommt der Spa-Bereich hin, da der Club . . . so könnte einer der großen Tische aussehen, traditionell gearbeitet, und in der mächtigen Tischplatte wären balinesische Motive eingearbeitet, eindeutige Motive. Sie wissen schon . . . und so stelle ich mir schließlich die Betten vor. Grandios. Großzügig. So ein Bett hätte ich selbst gern."

"Im Lagerraum?"

"Lagerraum?"

"Ja, da steht ,Lagerraum' im Plan."

"Ach so. Stimmt. Das ist die frühere Fassung. Aber das sind keine Lagerräume."

"Sondern?"

"Sondern . . . das sind halt die Zimmer. Die, hm, Zimmer. Die Arbeitszimmer."

Die Arbeitszimmer. Viele Arbeitszimmer. Für ein knapp 3000 Quadratmeter großes Bordell, das in Dachau bei München im Herbst eröffnet werden soll. Nach Plänen von Sabrina Schuhmacher, die parallel auch in Augsburg arbeitet. Für die anstehende Umgestaltung des Münchner Traditionsunternehmens "Leierkasten" ist sie ebenfalls im Gespräch.