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Geständnisserie von Hans-Jürgen S.:Fünf Morde - und was noch?

Fast drei Jahrzehnte nach dem Mord an einer jungen Frau macht die Polizei dank DNS-Spuren einen Mann aus Henstedt-Ulzburg dingfest - dann gesteht Hans-Jürgen S. plötzlich noch vier Taten. Jetzt stehen die Ermittler vor drängenden Fragen: Hat der mutmaßliche Serientäter aus Schleswig-Holstein tatsächlich seit 27 Jahren niemanden sonst mehr umgebracht?

Ralf Wiegand

Hans-Jürgen S. ist 64 Jahre alt, bis vor kurzem war er Maurer und lebte in Henstedt-Ulzburg (Schleswig-Holstein) ein unauffälliges Leben. Seit dem 5. April ist er Untersuchungshäftling in der Justizvollzugsanstalt Neumünster, und wenn er sich nicht alles ausgedacht hat, was er hinter Gittern völlig überraschend gestand, ist er ein Serienmörder. Die Nachbarn, die in der Siedlung mit S. gewohnt haben, sagen, das hätten sie nie für möglich gehalten. Dieser Herr S., geschieden, Vater zweier Töchter, so ein Guten-Tag-und-guten-Weg-Typ wie Tausende andere auch.

26 Jahre nach Sexualmord beginnt neue Tätersuche

War sie das letzte Opfer von Hans-Jürgen S.? Gabriele S. war 18 Jahre alt, als sie getötet wurde.

(Foto: dpa)

Nicht einmal die Polizei hatte eine Ahnung davon, wer ihr da vor gut zehn Wochen ins Netz gegangen ist. Die Beamten der Mordkommission Kiel waren schon froh, einen uralten Fall schließen zu können, als sie in Henstedt-Ulzburg zur Festnahme von Hans-Jürgen S. eintrafen. Die moderne Kriminaltechnik hatte ihnen neue Beweise verschafft. 1984 war im Kreis Segeberg eine 18-jährige Schwesternschülerin ermordet aufgefunden worden, Gabriele S. hieß sie. Sie war nach einem Discobesuch als Anhalterin zu ihrem späteren Mörder ins Auto gestiegen, vergewaltigt und mit ihrem eigenen Schal erdrosselt worden.

Hans-Jürgen S. war zum Zeitpunkt der Tat 37 Jahre alt. Am Tatort waren DNS-Spuren gesichert worden, die nun durch ein neues Verfahren mit damals von verschiedenen Männern eingesammelten Speichelproben verglichen werden konnten. So hatte sich in den Laboren der Kripo der Link ergeben zwischen dem 27 Jahre alten Verbrechen und dem unauffälligen älteren Herrn aus der Nähe von Hamburg. Er lebte dort, nach der Trennung von seiner Familie, bei seiner 90 Jahre alten Mutter.

Verbrecher, die die Zeit besiegt zu haben glauben, werden immer häufiger von ihren lange zurückliegenden Taten eingeholt. Alte DNS-Spuren sind durch neue Technik besser verwertbar, verbinden Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Mord verjährt nie. Sogar die Kleidung von Uwe Barschel, dem in einer Hotel-Badewanne in Genf 1987 zu Tode gekommenen ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, wird noch einmal kriminaltechnisch untersucht.

Hans-Jürgen S., berichtete die Kieler Oberstaatsanwältin Birgit Hess unmittelbar nach seiner widerstandslosen Festnahme, habe den Mord an Gabriele S. in vollem Umfang gestanden. Sie sei ein Zufallsopfer gewesen. Dass der große, kräftige Mann aber noch mindestens vier Mal gemordet haben will, kam erst Wochen später heraus. "Er wollte reinen Tisch machen", sagte Stefan Winkler, Leiter der Kieler Mordkommission. S. gestand aus heiterem Himmel die Morde an Jutta M. und Renate B. aus dem Jahr 1969, er will 1970 Angela B. umgebracht haben und 1973 die erst 15-jährige Ilse G. Alle in Norddeutschland. S. habe "in Auflauermanier günstige Gelegenheiten abgewartet", sagte Ermittler Winkler.

Fünf Morde. Und was noch?

1993 hatte der mutmaßliche Serienmörder wegen Körperverletzung und Vergewaltigung einer Prostituierten ein Jahr auf Bewährung bekommen. Die Polizei fragt sich jetzt, was er eigentlich in den Jahren zwischen den extremen Ausschlägen in seinem Leben getan hat: zwischen 1973 und 1984, zwischen 1984 und 1993 und in den 18 Jahren seitdem. Dass Triebtäter einfach aufhören, aus freien Stücken, ist eher untypisch. Die Polizei setzt nun Profiler ein, um ungeklärte Mordfälle in ganz Deutschland mit dem Leben von Hans-Jürgen S. abzugleichen. Er bestreitet vehement weitere Taten.

© SZ vom 20.06.2011/jab
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