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Geschichte einer Rettung:Zum ersten Mal um Hilfe gerufen

Er war wütend und wollte Frau S. das Schlüsseletui entreißen, das er für ein Portemonnaie hielt. Er schlug ihr ins Gesicht. "Das war ein ziemlich heftiger Schlag", erzählt sie. Dann verdrehte er ihr den Arm so sehr, dass es knackste und ihr Handgelenk brach. Frau S. sitzt im Wohnzimmer, es ist ganz still. "Mich hat erst niemand gehört, durch die Doppelglasfenster hört man ja heutzutage nichts. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich um Hilfe gerufen habe."

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Die goldenen Regeln der Zivilcourage

Saras Mutter hörte die Schreie der Nachbarin durch die Gegensprechanlage. Sara hatte Sturm geklingelt, geweint und gerufen, ein Mann habe sie angesprochen. Die Mutter sagt: "So schnell bin ich noch nie vom fünften Stock nach unten gerannt." Seit diesem Tag hat sie Sara jeden Tag zur Schule begleitet und abgeholt. Sara wollte keinen Moment alleine bleiben.

Die Mutter sagt, in Gesprächen mit einer Kindertherapeutin "kommt langsam raus, was Sara erlebt hat". Der Mann habe Sara nach ihrem Namen gefragt und wie alt sie sei und sie dann zu sich gerufen. Er habe Sara auch gebeten, sich nach vorne zu beugen. Die Mutter mag sich nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn Frau S. nicht geistesgegenwärtig gehandelt hätte. Am Tag danach brachte Sara Frau S. Blumen ins Krankenhaus. "Ich habe größte Hochachtung vor dieser Frau!" sagt die Mutter.

Frau S. ist sehr schmal gebaut und groß, sie trägt ein gelbes Polohemd, darüber eine dunkelblaue Strickweste. Sie wundert sich selbst, dass sie durch die Wucht des Angriffs nicht zu Boden gestürzt ist. Über ihren eigenen Mut wundert sie sich nicht: "Ich bin zwar ein schüchterner und bescheidener Mensch, aber wenn etwas Ungerechtes passiert, kann ich mich schon durchsetzen." Was sie eher wundert, ist das Gewese der Menschen um diese Rettung. Lob, sagt Elisabeth S., will sie nicht hören, "das muss eine Selbstverständlichkeit sein, einzugreifen, wenn man Gefahr sieht."

Die Mutter von Sara will jetzt eine neue Wohnung suchen. An einem neuen Ort könnte Sara schneller wieder in ihren Alltag zurückfinden. Auch die Mutter will das Haus verlassen. Bis heute habe nicht ein Nachbar mal gefragt, wie es Sara geht. "So sind die Leute eben", sagt Marion P. und verabschiedet sich.

Frau S. wartet auf ihren Enkel. Er soll sie zum Optiker begleiten. Auch sie geht im Moment ungern allein aus dem Haus. Sie hat sich schon überlegt, wie das wohl wäre, wenn sie dem Mann wieder begegnen würde. Sie weiß nicht, wie sie reagieren würde. Was sie weiß, ist: "Natürlich würde ich das wieder machen."