Vor Gericht:Tortur eines Säuglings

Vor Gericht: Symbolbild

Symbolbild

(Foto: pixabay (CC0 1.0); Bearbeitung SZ)
  • Ein junges Paar muss sich vor dem Landgericht Frankenthal verantworten, die Anklage wirft ihnen besonders schwere Kindesmisshandlung vor.
  • Der Säugling kam mit Rippen- und Schädelbrüchen und schwersten Verletzungen am Penis und im Rektalbereich in ein Krankenhaus.
  • Am zweiten Prozesstag äußerten sich die beiden Angeklagten.

Von Susanne Höll, Frankenthal

Vor dem Landgericht Frankenthal wird dieser Tage ein besonders grausamer Fall von Kindesmisshandlung verhandelt. Ein junges Paar, sie 26 Jahre alt, der Mann zwei Jahre jünger, ist angeklagt, seinem gerade einmal sieben Wochen alten gemeinsamen Sohn im Oktober 2018 lebensgefährliche Verletzungen zugefügt zu haben. Der Säugling kam mit Rippen- und Schädelbrüchen in ein Krankenhaus, hatte schwerste Verletzungen im Rektalbereich und am Penis. Allein Notoperationen retteten ihm das Leben.

Die Mutter, davon jedenfalls ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, soll ihr Kind auch aus sexuellen Motiven misshandelt haben. Sollten sich die Vorwürfe der Anklage vor Gericht bestätigen, stellt sich vor allem eine Frage: Was um Himmels Willen treibt Eltern dazu, einem Neugeborenen so etwas anzutun? Am zweiten Verhandlungstag ist das Gericht auf der Suche nach einer Antwort nicht sehr viel weitergekommen.

Die Mutter, Nina R., eine blasse Frau mit dunklen, schulterlangen Haaren, präsentiert am Dienstag ihre Version der verhängnisvollen Nacht vom 14 zum 15. Oktober 2018. Sie war mit dem Sohn daheim im pfälzischen Ludwigshafen, das Kind war erkältet, fieberte. Ihr Partner, Ismail I. - sie nennt ihn im Prozess nur "Herr I.", sei betrunken und aggressiv von einer Kneipentour mit Freunden nach Hause gekommen, habe Sex gewollt, den sie ihm damals schon seit Längerem verweigert habe. Sie vermute, dass der Vater dem Kind die schweren Verletzungen zugefügt habe, den Sohn vielleicht habe fallen lassen. Die Wunde am Penis könnte von einem Versuch des Vaters stammen, den Jungen zu beschneiden.

Sie wollte immer eine glückliche Familie

Sie selbst habe dem Kind nichts angetan, ihm, wie ihr Anwalt aus einer schriftlichen Stellungnahme vorliest, "nie vorsätzlich oder wissentlich Schaden zugefügt." Die Mutter sagt, sie selbst sei müde gewesen in der Nacht, habe nichts von den Verletzungen bemerkt. Am nächsten Tag ging das Paar mit dem Säugling zum Kinderarzt. Kurz danach wurden Nina R. verhaftet. Sie bedauere das Schicksal des Kindes zutiefst, hatte ihr Anwalt schon zum Prozessauftakt erklärt. Vor Gericht sagt R.: "Ich wollte immer eine glückliche Familie."

Ismail I. folgt der Darstellung seiner, man muss wohl sagen, ehemaligen Freundin, äußerlich regungslos. Er will sich, so sagt sein Anwalt, zunächst nicht zur Sache äußern, auch nicht zu seiner Beziehung. Aber er gibt Auskunft über sich selbst, so wie auch die Mutter. Und aus ihren Erzählungen erschließt sich das Bild eines traurigen, jungen Paares mit schwieriger Vergangenheit. Beide wuchsen ohne elterliche Fürsorge auf, lebten jahrelang in Heimen, hatten Drogenerfahrungen, kämpften mit Geldproblemen und waren, wenn man sie recht versteht, auf der Suche nach Geborgenheit.

Nina R. erzählt von früheren Beziehungen zu Männern, in denen sie sich ausgenutzt fühlte, berichtet von Depressionen und Überforderung. Sie habe nach der Geburt des Sohnes Ämter um Hilfe gebeten, weil sie allein nicht zurechtgekommen sei. Die Unterstützung, die sie gebraucht hätte, sei aber ausgeblieben. Sie spricht mit fester Stimme, erzählt flüssig, wirkt beherrscht. Aber kaum ist ihre Befragung beendet, wischt sie sich geraume Zeit Tränen vom Gesicht.

Die Anklage bezweifelt die Darstellung der Angeklagten

Der Kindsvater, er spricht undeutlich, mit schleppender Stimme, hat mit Schilddrüsenproblemen zu kämpfen, hatte vor seiner Beziehung zu Nina R. eine längere Freundschaft mit einer jungen Frau, die, wie er sagt, nur auf sein Geld aus gewesen sei. Seit Sommer 2018 lebten beide von Hartz IV, die Mittel waren knapp, er, gelernter Maler, hatte keinen festen Job.

Die Anklage schenkt der Darstellung der Mutter keinen Glauben. "Das ist nicht das, wovon wir ausgehen", sagt Staatsanwältin Esther Bechert in einer Verhandlungspause. In den kommenden Wochen will das Gericht mehr als ein Dutzend Zeugen hören, darunter auch die Kinderärztin, die den schwerverletzten Säugling als erste untersuchte. Der Mutter droht im Fall einer Verurteilung eine Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis wegen Misshandlung eines Schutzbefohlenen und gefährlicher Körperverletzung. Der Vater muss damit rechnen, für mindestens zwölf Monate oder maximal zehn Jahre in Haft zu kommen.

Dem Jungen soll es heute, den Umständen entsprechend, wieder besser gehen. Wann ein Urteil fällt, steht nach Mitteilung des Gerichts noch nicht fest.

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