Umgang mit Würdenträgern:Im Austragshäusl

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Umgang mit Würdenträgern: Nein, das sind nicht Gerhard Schröder und seine Frau, sondern Altbauer und Altbäuerin vor ihrem Auszugshaus im Salzkammergut, aufgenommen um das Jahr 1910, mit Holzstab statt Mitarbeiterstab.

Nein, das sind nicht Gerhard Schröder und seine Frau, sondern Altbauer und Altbäuerin vor ihrem Auszugshaus im Salzkammergut, aufgenommen um das Jahr 1910, mit Holzstab statt Mitarbeiterstab.

(Foto: picture-alliance / Imagno)

Früher wurden die Altbauern in karge Stuben ausquartiert, heute stehen den Altbundeskanzlern schon mal Büros mit neun Mitarbeitenden zu. Muss das sein?

Von Martin Zips

Der Dorfälteste war seiner Gemeinschaft immer wieder mal ein Klotz am Bein. Einerseits: Diese unglaubliche Lebensleistung über all die Jahre! Dieser aufopferungsbereite Einsatz für die Interessen auch der nächsten Generation! Diese persönliche Hingabe! So etwas verdient Respekt und Dankbarkeit. Andererseits: Wie konnte er (oder sie) damals nur diese oder jene Entscheidung treffen? Das hätte man doch wissen müssen, dass das nicht geht. Eigentlich sollte das Leben also noch mal ganz neu bewertet werden, auch hinsichtlich der aus heutiger Sicht völlig überzogenen Privilegien.

Und so war gerade zwar noch Großer Zapfenstreich ("Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael") und herrliches Amüsement (Schau mal, schon wieder neue Bilder vom Altkanzler und seiner fünften Ehefrau auf Instagram!) - aber dann kommt das liberale Urgestein Wolfgang Kubicki und stellt in einem Gespräch mit dem Recherchenetzwerk Deutschland das "Nachlaufbüro von Bundeskanzlern" generell infrage. Da erfährt man dann zum Beispiel, dass das Büro des Gaslobbyisten und Putin-Freundes Gerhard Schröder über neun eigene Stellen verfügt und den deutschen Steuerzahler 407 000 Euro jährlich kostet. Darüber muss jetzt aber auch mal geredet werden.

Umgang mit Würdenträgern: Gerhard Schröder im Jahr 2007 in seinem Berliner Altkanzlerbüro. Ihm stehen neun Stellen zu, diese sind derzeit allerdings nicht besetzt, weil die Mitarbeitenden nach dem Überfall Putins auf die Ukraine kollektiv gekündigt hatten.

Gerhard Schröder im Jahr 2007 in seinem Berliner Altkanzlerbüro. Ihm stehen neun Stellen zu, diese sind derzeit allerdings nicht besetzt, weil die Mitarbeitenden nach dem Überfall Putins auf die Ukraine kollektiv gekündigt hatten.

(Foto: Imago Images)

Vom Firmengründer über den Identitätsstifter, vom Sportidol bis zum emeritierten Papst: Für die Nachfolgegeneration kann es ungeheuer lästig sein, wenn der Geist vergangener Tage nicht nur durch die Gänge weht, sondern einem auch im Toilettenvorraum ständig auf die Schulter klopft. Sind wir da nicht alle ein bisschen Prinz Charles?

Schon Joseph II., ein junger Monarch mit guten Ideen, unbedingtem Reformwillen und sehr viel Kraft, hatte vor allem ein Problem: seine Mutter Maria Theresia, die ihm leider viel zu oft im Weg stand und nicht machen ließ. Aber die Alten sind halt die Alten, denen man auch dann noch zuhört, wenn sie - wie Herbert von Karajan zum Schluss eines von Meisterleistungen geprägten Dirigentendaseins - einfach nicht mehr den Ton treffen.

Darf, ja muss man der älteren Generation nicht doch gelegentlich das ein oder andere Privileg streichen? Sollte man diesen oder jenen Würdenträger mal zum Ausspannen auf eine ruhige Insel wie St. Helena schicken? Gehört es sich gar, den oder die einst Geehrten posthum zu kritisieren, obwohl es im vierten Gebot doch heißt, man müsse Vater und Mutter ehren?

Warum durfte Richard von Weizsäcker im Halteverbot parken?

Sascha Lobo, der Wolfgang Kubicki der Generation Social Media, hat Mahatma Gandhi gerade wegen seines Frauenbilds auf Twitter ein "widerwärtiges Monster" genannt. Tausende Likes! Aber war Gandhi nicht mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert? Der richtige Umgang mit Verdienten von früher ist und bleibt eine Herausforderung. Danke, Helmut Schmidt, Bill Clinton und König Juan Carlos. Aber war da nicht noch was? Ging es wirklich in Ordnung, dass Richard von Weizsäcker (so schrieb mal Bunte) auch nach seiner Zeit als Bundespräsident im absoluten Halteverbot vollkommen unbehelligt blieb, weil er immer eine Polizeikelle auf dem Armaturenbrett liegen hatte? Kann Barbara Schöneberger ein Neubeginn bei "Verstehen Sie Spaß?" auch dann gelingen, wenn Paola Felix von jetzt an in jeder ihrer Sendungen sitzt? Und welche "Nachlaufbüro"-Größe ist denn nun angemessen für einen ehemaligen Bundeskanzler oder eine ehemalige Bundeskanzlerin? Oder für einen emeritierten Papst mit trüber Vergangenheit?

Umgang mit Würdenträgern: Im Fall des emeritierten Papstes ist das Austragshäusl ein Austragskloster. Benedikt XVI. lebt mit seinen Katzen im Konvent "Mater Ecclesiae" in den vatikanischen Gärten. Bis zum Amtssitz seines Nachfolgers Franziskus ist es, genau, nur ein Katzensprung.

Im Fall des emeritierten Papstes ist das Austragshäusl ein Austragskloster. Benedikt XVI. lebt mit seinen Katzen im Konvent "Mater Ecclesiae" in den vatikanischen Gärten. Bis zum Amtssitz seines Nachfolgers Franziskus ist es, genau, nur ein Katzensprung.

(Foto: Annette Reuther/picture alliance/dpa)

In der Landwirtschaft wurde die Sache jahrhundertelang so geregelt: Mit Beginn des Ruhestands zog sich der Bauer ins sogenannte "Austragshäusl" zurück, welches meist nur eine karge Stube war. Von dieser Räumlichkeit aus durfte er dann in ruhiger Abgeschiedenheit auf sein Lebenswerk zurückblicken und bekam - zumindest, wenn er nicht permanent nervte - eine warme Mahlzeit am Tag vorbeigebracht. Neun Mitarbeiter, Dienstwagen mit Polizeikelle oder einen Instagram-Account gab es für ihn nicht. Und das war eigentlich auch ganz gut so.

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