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SZ-Kolumne "Bester Dinge":Politik ist auch Theater

(Foto: Handforth Parish Council/PA Media/dpa)

Wie eine Gemeinderatssitzung im englischen Städtchen Handforth aus dem Ruder läuft und der Kommunalpolitik ein paar neue Fans verschafft.

Von Oliver Klasen

In der Politikwissenschaft gibt es, grob gesagt - ich weiß, das ist sehr grob, liebe Politikprofessorinnen und -professoren, sehen Sie es mir nach - zwei Stränge. Für den einen Strang stehen Platon und Helmut Kohl. "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", sagte Kohl, Platon drückte sich ein bisschen differenzierter aus, meinte aber im Grunde dasselbe. Für den anderen Strang stehen Aristoteles, Hannah Arendt und die Gemeinderatsmitglieder des englischen Städtchens Handforth. Demnach ähnelt Politik den performing arts, wie etwa dem Theater. Es kommt weniger auf das Ergebnis an als auf den demokratischen Prozess.

So war es jedenfalls in Handforth. Ein 18-minütiges Best-of einer im Dezember über Zoom abgehaltenen Sitzung schaffte es auf Youtube. Mehrere meist ältere Damen und Herren, die sich - in kultiviertem Middle-Class-Akzent - ins Wort fallen, anschreien und Geschäftsordnungsanträge einbringen, um den jeweils anderen aus dem Amt zu entfernen. Bestes Reality-TV. Auch nach mehrmaligem Ansehen hat man keinen Schimmer, warum es eigentlich geht und was der Grund des Streits ist, aber egal. Aristoteles, lebte er noch, hätte seine helle Freude.

An diesen Mittwoch war erneut eine Sitzung anberaumt, und weil das Publikum Großes erwartete, sahen Dutzende Zuschauer über Zoom und noch einmal 3500 über Youtube zu. Manche verkleideten sich mit Safarihüten oder zogen sich Papptüten über den Kopf - und sie störten mit Zwischenrufen die Abläufe. Doch dann kam der Beschluss, die Öffentlichkeit auf Zoom stummzuschalten. Zu viel Theater eben, selbst für die Erlebnis-Demokraten von Handforth.

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