Ortsschilder:Die führen was im Schilde

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Ortsschilder: Mit und ohne Zusatz: Internationale Ortsschilder im Fernweh-Park in Oberkotzau bei Hof.

Mit und ohne Zusatz: Internationale Ortsschilder im Fernweh-Park in Oberkotzau bei Hof.

(Foto: Wieland Hollweg/imago images/Chromorange)

Baden-Württemberg erlaubt immer mehr Gemeinden einen Namenszusatz auf dem gelben Ortsschild. Das könnte manchen auch überfordern.

Von Martin Zips

Zuletzt hatte es das deutsche Ortsschild ja gar nicht leicht. Auf den Ein- und Ausfallstraßen war es permanent Wind und Wetter ausgesetzt, während sich die Gemeindeverwaltungen vor allem für die Pflege örtlicher Internetseiten interessierten. Auch viel zu wenig Autofahrer blickten noch auf das, was auf den gelben StVO-Verkehrszeichen des Typs 310 und 311 in einer durch die DIN-Norm 1451 festgelegten Schriftart stand: Gemeinde und Kreis - das war's dann meist. Und überhaupt: Wozu noch Ortsschilder am Straßenrand, wenn man ja am Navi sehen konnte, wo man gerade war? So verkam das deutsche Ortsschild zur bloßen Bitte, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Zum Schutze der Einwohnerinnen und Einwohner.

Dabei hatte bereits der französische Fabeldichter Jean de La Fontaine im 17. Jahrhundert darauf hingewiesen, dass es "das Schild allein" sei, welches "die Kunden lockt". Vor allem in Baden-Württemberg, wo die deutsche Ortstafel einst ihren Anfang nahm, scheint man das sehr zu beherzigen. Das schöne Bötzingen darf sich dort von Oktober an "Weinbaugemeinde" nennen; das herrliche Triberg "Wasserfallstadt" und das gemütliche Althengstett "Waldenserort". Innenminister Thomas Strobl sprach in diesem Zusammenhang von einem "identitätsstiftenden Element", welche eine entsprechende Änderung der Gemeindeordnung seit Dezember 2020 leichter möglich mache. Gerade wurden vom Landesinnenministerium 19 solcher Zusatzbezeichnungen genehmigt.

Wobei es schon traurig ist, dass Knittlingen im Enzkreis jetzt nicht "Flippers-Stadt" heißt, was (auf Antrag) ja durchaus möglich gewesen wäre. Die Schlagerband wurde hier gegründet. Durchgesetzt hat sich: "Fauststadt". Das verweist auch auf den großen Goethe - obwohl es nicht unumstritten ist, dass der von ihm verdichtete Alchimist Faust wirklich hier geboren wurde. Die Ortstafel von Knittlingen dürfte dank "Fauststadt" jedenfalls bald wie der Umschlag eines Reclamheftchens aussehen.

Auch bundesweit gesehen, droht sich der Trend zum Zusatznamen wie der Flüssigteer eines riesigen "Walk of Fame" übers Land zu gießen. Solingen ist nicht nur "Klingenstadt", sondern auch "Zentrum der deutschen Schneidwarenindustrie". Hagen wiederum: "Stadt der FernUniversität". Hat irgendwo mal ein Dichter oder Komponist übernachtet, so interessieren sich gleich mehrere Orte für einen entsprechenden Hinweis. Im Fall "Brüder-Grimm-Stadt" zum Beispiel gerieten vor einigen Jahren mal Hanau und Steinau aneinander, jetzt nennen sich beide so. Auch im Südwesten ging es unter Lokalpatriotinnen und Lokalpatrioten heiß her bei der Frage, ob nun Donaueschingen oder Furtwangen den Titel "Donauquellstadt" für sich beanspruchen darf. Dank diverser Wassergutachten ist nun klar: beide. Deutlich friedlicher ist die Lage in Hünfeld oder Jagsthausen: "Konrad-Zuse-Stadt" oder "Heimat Götz von Berlichingens" möchte sonst niemand heißen.

Doch das Gequetsche auf den Ortstafeln geht weiter. Beelitz ist "Spargelstadt", Lohr am Main vielleicht bald "Schneewittchenstadt" und Bötzingen nun "Weinbaugemeinde". Die Schilder von Adolfshausen, Sexau und Darmstadt-Wixhausen hingegen dürften auch ohne besonderen Untertitel unter Sammlern weiterhin gefragt sein.

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