Fast 40 Jahre nach der Wiedervereinigung redet man in Gerstungen, einer Gemeinde in Thüringen mit knapp 9000 Einwohnern, wieder vom „Rübermachen“. Der Ort liegt so nah an der hessischen Grenze, dass für die Gerstunger jahrzehntelang der Westen gleich hinter ihrem Garten begann, getrennt von der Weltpolitik und einem Grenzzaun mit Selbstschussanlage. Der Blick in diese Himmelsrichtung bot Raum für Träume: von einem Leben in Freiheit, in einem Land, in dem jeder sagen durfte, was er wollte, ohne dafür Nachteile befürchten zu müssen, und in dem es in den Supermärkten die ganze Vielfalt zu kaufen gab. Als im Herbst 1989 die Grenze geöffnet wurde, war das plötzlich alles erreichbar.
Doch jetzt, 36 Jahre später, will der Bürgermeister von Gerstungen, Daniel Steffan (CDU), noch mehr: Er will mitsamt seiner Gemeinde nach Hessen übersiedeln. Was wie ein Scherz klingt, hat einen ernst gemeinten Hintergrund: Steffan fühlt sich vom Freistaat Thüringen im Stich gelassen. „Seit der Wiedervereinigung ist Gerstungen infrastrukturell auf der Strecke geblieben“, klagt er am Telefon. Das Landesverwaltungsamt würde viele notwendige Entscheidungen verzögern oder sogar blockieren.
Das Straßennetz etwa sei seit der Kaiserzeit nicht weiterentwickelt worden, die Straßen selbst seien in einem teilweise desolaten Zustand, Lebensmittelhändler könnten ihre Verkaufsflächen nicht erweitern und Schüler würden mittlerweile vor dem Lehrermangel an den heimischen Schulen nach Hessen fliehen. „Was soll ich machen?“, fragt Steffan, „einfach alles akzeptieren?“ Das könne er nicht.

Seit zweieinhalb Jahren ist er Bürgermeister in Gerstungen. Er selbst wohnt dort nicht, sondern radelt täglich 45 Minuten von seinem Zuhause im thüringischen Hörselberg-Hainich ins Rathaus. „Das gibt mir vielleicht noch mal einen anderen Blick auf die Probleme in Gerstungen“, sagt er. Denn in den vergangenen Tage hat er auch gemerkt: Der Vorschlag trifft bei nur wenigen Einwohnern auf Gegenliebe. Manche werfen dem Bürgermeister fehlende Heimatverbundenheit vor, für andere kommt die Idee einem Rostbratwurstverbot gleich. Aber als er bei einer Einwohnerversammlung vor einer Woche seine Gründe erklärt habe, sei keine einzige Nachfrage gestellt worden. Da hätten ihn alle verstanden.
Ganz so einfach geht es nicht, die Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Es wäre aber auch nicht unmöglich, das bestätigt sogar das Thüringer Innenministerium auf Nachfrage. Die Landesgrenze müsste geändert werden, für kleinere Gebietsabtretungen ginge das mit einem Staatsvertrag zwischen den beteiligten Ländern. Grünes Licht also aus Erfurt? Ist man willig, auf den kleinen Zipfel zu verzichten? Nicht so wirklich. Es läge ja noch gar kein Antrag vor. Über ungelegte Eier lohnt es sich nicht, zu reden.
Ob Steffan tatsächlich der vermeintlichen Behäbigkeit seiner Landesregierung entfliehen kann, wird sich bereits an diesem Dienstag zeigen. Dann wird der Bürgermeister erst mal den Hauptausschuss Gerstungens überzeugen müssen, seine Idee als Beschlussvorlage in den Gemeinderat einzubringen. Und vielleicht werden dann irgendwann die Flüchtlinge aus Thüringen im Nachbarland begrüßt mit: Herzlisch willkumme in Hesse!

