Süddeutsche Zeitung

Geklonte Haustiere:Game of Clones

Die Schauspielerin Barbra Streisand hat ihren toten Hund genetisch kopieren lassen. Ist das moralisch verwerflich oder müssen wir uns daran gewöhnen, von Klonen umgeben zu sein?

Samantha starb vor einem Jahr. Das war schlimm für ihre Besitzerin, Barbra Streisand. Doch die US-Schauspielerin hatte vorgesorgt. Vor dem Tod ihres geliebten Haustiers, ein wegen seines Fells auch "Baumwollhund" genannter, ursprünglich aus Madagaskar stammender "Coton de Tuléar", hatte die zweifache Oscar-Gewinnerin Zellen aus Samanthas Bauch und Maul entnehmen lassen. Nun lebt Samantha weiter. Als Miss Violet und Miss Scarlett. Die beiden wurden aus Samantha geklont.

Die Geschichte hat Streisand, 75, gerade in einem Interview erzählt. Erschienen im glänzenden Klatschorgan Variety, auf dessen Fotoseiten auch viele Schauspieler recht geklont wirken. Barbra Streisand, die ihre Karriere in den späten 60er-Jahren mit Filmen wie "Hello, Dolly!" begann (damals war damit kein Schaf gemeint), schweigt sich jedoch darüber aus, wann, wo und wie der genetische Pfotenabdruck gelang.

Wurden die Welpen vielleicht von jenen chinesischen Wissenschaftlern geformt, die gerade Zhong Zhong und Hua Hua designt haben, zwei aus der identischen Zellkultur stammende Makaken-Äffchen? Oder half bei der Hunde-Kopie womöglich auch jene koreanische Biotechnologie-Firma, bei der kürzlich Modedesignerin Diane von Fürstenberg ihre Jack-Russell-Hündin Shannon hatte klonen lassen? Nun hat Frau von Fürstenberg zwei frische Terrier: Evita und Dina. Shannons Wiederauferstehung soll sie laut New York Post bis zu 100 000 Dollar gekostet haben.

Wobei, das meinte jetzt auch Barbra Streisand im Variety-Interview (wenn sie nicht gerade über Harvey Weinstein sprach), man müsse jetzt schon noch abwarten, ob Miss Violet und Miss Scarlett tatsächlich einmal über solch schöne braunen Augen und eben jene Ernsthaftigkeit verfügen, wie sie einst Samantha ausgezeichnet haben. Zur besseren Unterscheidung müssen Scarlett und Violet in Streisands Wohnung übrigens verschiedenfarbige Pullover tragen.

Wie viel Gutes könnte man mit all dem Geld machen?

Menschen, die ihre Haustiere klonen lassen - für Roland Graf, Schweizer Diplom-Chemiker und geweihter katholischer Priester, ist das ein auf die Spitze getriebener Egoismus. "So etwas können sich nur jene leisten, die mehr als genug Geld zur Verfügung haben und sich auch sonst nahezu jeden Wunsch erfüllen können. Alles dreht sich um das eigene Ich, und somit dürfte in unserer Gesellschaft die Kluft zwischen armen und reichen Menschen noch größer werden." Graf, dessen Promotionsarbeit "Klonen: Prüfstein für die ethischen Prinzipien zum Schutz der Menschenwürde" auch als Buch erschienen ist, fragt ganz simpel: "Wie viel Gutes könnte man doch mit den Zehntausenden Euro machen, die so etwas kostet?"

Meist sind Hunderte erfolglose Versuche erforderlich, bis das Klonen gelingt. Embryonen verenden, auch nach der Geburt leiden Tiere unter Schmerzen und Behinderungen. Doch die Sehnsucht nach künstlich Geschaffenem bleibt groß, auch 2700 Jahre nachdem laut Hesiod die von Hephaistos geformte, schöne, aber Verderben bringende Pandora auf der Erde landete. Und genau 200 Jahre nachdem Mary Shelley erstmals das böse Frankenstein'sche Monster beschrieb. In Aldous Huxleys Roman "Schöne neue Welt" besteht die Gesellschaft sogar ausschließlich aus unterschiedlich entwickelten Klonen, und bei "Star Wars" kämpft die Armee der Zukunft - natürlich - mit Klon-Kriegern. Warum also bei Samantha aufhören, wenn bald alles möglich ist? Zumal Spür-, Kampf- und Rettungshunde, Zuchtbullen und Reitpferde schon jetzt munter geklont werden.

Selbst Jesus heilte munter drauflos - unter Missachtung der Naturgesetze

Vor wenigen Tagen erinnerte der italienische Genetiker, Biochemiker und Mediziner Gian-Paolo Dotto in einem Gastbeitrag für die Vatikanzeitung L'Osservatore Romano daran, dass selbst ein Jesus "unter Missachtung der Sabbat-Gesetze wie auch der Naturgesetze" stets munter drauflosheilte. Die Kirche solle ihn sich ruhig zum Vorbild nehmen, auch in Sachen Gentechnik. Was dem Menschen diene, sei gut. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger erklärte an anderer Stelle, er könne sich zwar grundsätzlich vorstellen, dass "das Klonen von Tieren in einem sehr begrenzten Maß und für ein ganz bestimmtes Ziel" zu rechtfertigen sei. Nicht aber das Klonen von Menschen. Weil dadurch eine gefährliche "Asymmetrie" entstehe: zwischen dem, der klont, und dem, der geklont wird.

Das Thema Klonen wird uns also - nicht nur wegen Barbra Streisand und ihrer Hunde - auch in Zukunft noch beschäftigen. So wunderte sich Axel W. Bauer, Leiter des Fachgebiets Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uni Heidelberg, gerade im Gespräch mit der Wirtschaftswoche: "Auffällig ist, dass im neuen Koalitionsvertrag das reproduktive Klonen von Tieren lediglich zur Lebensmittelerzeugung abgelehnt wird, nicht aber das Klonen zu anderen Zwecken." Doch sein Kollege Jens Clausen, Professor für Ethik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, beruhigt: "Abgesehen von den medizinischen Gefahren, die das bisher noch sehr fehleranfällige Klonen mit sich bringt", sehe er eigentlich keine neuen Herausforderungen. "Es ist doch auch jetzt schon möglich, dass sich ein Mensch über den anderen stellt und ihn zum Beispiel als Ersatzteillager für Organe missbraucht. Und natürlich ist und bleibt das verwerflich." Entscheidend sei eben immer der Respekt, den man einem Individuum entgegenbringe. Ob es nun geklont sei oder nicht.

So gesehen ist es am Ende auch total egal, ob Miss Scarlett und Miss Violet bald wirklich Samanthas Augen haben werden.

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SZ vom 02.03.2018/eca
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