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Gefahr durch Kopfhörer im Straßenverkehr:Bass gegen Bus

Dicke, trendige Kopfhörer sorgen für besseren Klang - und schlechtere Aufmerksamkeit. Im Straßenverkehr kann das tödlich enden. Politiker und Verkehrsexperten sprechen eindringliche Warnungen aus.

Beats. Melodien. Gesang. Als ein junger Mann die Landsberger Allee in Berlin überquert, hat er Musik im Ohr. Musik, die alles ausblendet. Das Gemurmel der Passanten, das Rauschen des Autoverkehrs - und auch das Warnsignal der herannahenden Tram. Der 20-Jährige wird von der Bahn erfasst, schlägt mit dem Kopf gegen die Frontscheibe und wird mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Ersten Ermittlungen zufolge waren seine Kopfhörer schuld an diesem Unfall vom 13. Januar.

Laute Musik aus dicken Kopfhörern kann nach Einschätzung von Experten im Straßenverkehr sehr gefährlich werden.

(Foto: iStockphoto / Marco Martins)

Die diskreten Plastikstöpsel in Fußgängerohren sind über die Jahre dicken Hörpolstern gewichen. Bei der Rückbesinnung auf die einst so furchtbar altmodischen Kopfhörer geht es nicht nur darum, aufzufallen (je bunter, größer schriller, desto besser) - sondern auch um Klangqualität. Im Gegensatz zu Stöpseln blenden die großen Kopfhörer Außengeräusche besser aus, bei manchen Modellen verstärkt eigebaute Technik diesen Effekt noch zusätzlich. Dass ein Fußgänger, der dank Polster auf den Ohren in seine eigene Klangwelt abtaucht, vom Verkehr nicht mehr unbedingt alles mitbekommt, ist kaum überraschend - und bietet Grund zur Sorge.

"Das ist ein sehr gefährlicher Trend", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer Anfang Januar der Saarbrücker Zeitung. "Mit lauter Musik im oder dem Handy am Ohr schlafwandeln sie über Straßen und Bahnsteige", sagte der CSU-Politiker im Hinblick auf die meist jungen Verkehrsteilnehmer mit Kopfhörern. Der Minister brachte seine Kritik im Zuge der jüngst veröffentlichten Zahl von Verkehrsopfern an: Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes dürfte diese 2011 auf 3900 steigen. Das sind sieben Prozent mehr als 2010.

Mit den Zahlen ist es allerdings so eine Sache. Zwar kamen von Januar bis Oktober vergangenen Jahres 432 Fußgänger in Deutschland bei Verkehrsunfällen ums Leben, 2010 waren es mit 355 im gleichen Zeitraum deutlich weniger. "Das ändert aber nichts an dem langfristigen Trend, dass die Zahlen leicht zurückgehen", sagt Gerhard Kraski vom Statistischen Bundesamt der SZ. 2010, analysiert er, sei wegen des schlechten Wetters ein statistischer Ausreißer gewesen. "Da sind einfach weniger Fußgänger und Fahrradfahrer unterwegs gewesen." Im Vergleich zum Jahr 2000 hat sich die Zahl der im Straßenverkehr umgekommenen Passanten fast halbiert: Starben damals noch 993 Menschen, waren es 2009 nur noch 591.

Wissenschaftliche Forschung fehlt

Dass Musikhören ein Risikofaktor im Straßenverkehr sein kann, daran besteht dennoch kein Zweifel. Eine Studie der Universität von Maryland, die vergangene Woche in der Zeitschrift Injury Prevention erschien, legt den Zusammenhang zwischen Musik im Ohr und größerem Unfallrisiko nahe. "Ich sage nicht, dass Fußgänger mit Kopfhörern aus dem Verkehr gezogen werden sollten", sagte Richard Lichtenstein, Autor der Studie, der New York Times. "Aber sie im Fitnessstudio zu tragen ist etwas anderes, als überall dort, wo man geht und steht." Die Studie betont jedoch den Bedarf an weiterer Forschung.

Noch bis Freitag konferieren derzeit Juristen aus ganz Deutschland in Goslar beim 50. Verkehrsgerichtstag. Der Kongress gab einst den Anstoß für die Anschnallpflicht im Auto und beschäftigte sich im vergangenen Jahr auch mit den Risiken durch Nebenbeschäftigungen beim Autofahren. Für Kfz-Lenker - wie für Fahrradfahrer auch - gibt es in der Straßenverkehrsordnung ein entsprechendes Verbot von Kopfhörern und allzu lauter Musik: "Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch (...) Geräte (...) beeinträchtigt werden", heißt es in Paragraph 23.

Zwar kommt es im Einzelfall darauf an, wie stark Rihanna im Ohr vom Verkehr ablenkt - in einem Grundsatzurteil von 1987 wird die Beeinträchtigung durch Kopfhörer jedoch sehr eng ausgelegt. Wer mit Kopfhörern auf dem Fahrrad erwischt wird, dem droht in der Regel ein Bußgeld von zehn Euro. Für Fußgänger gibt es dagegen keine vergleichbare Regelung.

Umso eindringlicher warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) vor lauter Musik aus dicken Kopfhörern. "Die sehen ja fast aus wie der Gehörschutz in metallverarbeitenden Betrieben", sagt DVR-Sprecher Sven Rademacher der SZ. "Wer sich so abschottet, bekommt nicht mehr viel mit." Gerade in komplexen Situationen in der Stadt sei Aufmerksamkeit essentiell. "Das Autoradio bei normaler Lautstärke ist nicht das ganz große Problem", sagt Rademacher. Aber von spannenden Hörbüchern, sagt Rademacher, ließen sich Kfz-Fahrer zum Beispiel schnell mal ablenken.

Unterstützung bekommt er von Michael Reisch, im Polizeipräsidium München zuständig für Straßenverkehr: "Ich setze die Kopfhörer ja auf, um Musik zu hören - da ist die Aufmerksamkeit dann möglicherweise nicht aufs Drumherum gerichtet", sagt Reisch. Dabei könne es lebensrettend sein, Fahrgeräusche zu hören, oder Warnsignale von Einsatzfahrzeugen. Oder die herannahende Straßenbahn.

© Süddeutsche.de/jobr/holz

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