bedeckt München 21°
vgwortpixel

Gedruckte Schusswaffen:3-D-Büchse der Pandora

Cody Wilson

Waffen-Aktivist Cody Wilson mit der "Liberator" genannten Plastikpistole aus dem 3-D-Drucker.

(Foto: AP)
  • Der Aktivist Cody Wilson darf 3-D-Baupläne für Waffen weiterhin nicht online veröffentlichen - vorerst zumindest.
  • Neue Waffenbau-Technologien machen Sorgen, weil sie bald günstiger und besser werden dürften.
  • Das Problem könnte sogar außerhalb der USA größer sein als innerhalb.

Der leitende Bezirksrichter aus dem US-Bundesstaat Washington, Robert Lasnik, machte aus seinen Bedenken keinen Hehl. Am Montag verbot er dem selbsternannten Crypto-Anarchisten Cody Wilson vorerst, 3-D-Baupläne für Schusswaffen im Internet bereitzustellen. Damit stützte Lasnik das Vorhaben von 19 Bundesstaaten, die das zur Verfügung stellen von 3-D-Waffenplänen über das Internet blockieren wollen. Eine solche Entscheidung jedoch gehöre nicht in seine Hände, sagte er. Parlamente und Regierungen müssten "sich der Sache annehmen", so die Aufforderung des Richters aus Seattle.

Mit der Entscheidung vom Montag ist der Streit um Waffen aus dem 3-D-Drucker also lediglich vertagt: 19 Bundesstaaten plus der Verwaltungsbezirk der Hauptstadt Washington D.C. müssen jetzt in einem regulären Verfahren darlegen, warum die im Juli aufgehobene Publikationssperre der US-Regierung doch in Kraft bleiben soll - und ob so etwas überhaupt effektiv bewerkstelligt werden kann. Das US-Heimatschutzministerium hatte bereits 2013 vermerkt, dass es "vielleicht unmöglich" sei, den Zugang zu Waffen aus dem 3-D-Drucker zu begrenzen. Zu einfach lassen sich Pläne vervielfältigen und im Netz verbreiten. Auch über Server außerhalb der USA. Doch wie groß ist eigentlich die Gefahr, die von ihnen ausgeht?

USA Der Mann, der "Gun Control" unmöglich macht
jetzt
USA

Der Mann, der "Gun Control" unmöglich macht

Der Waffenfanatiker und Anarchist Cody Wilson hat erreicht, dass der 3D-Druck von Schusswaffen in den USA legal ist.

"Die jetzigen Modelle sind nicht besonders stabil, warum sollte das jemand benutzen?", sagt Robert Spitzer. Der Politologe gilt als einer der führenden Waffenrechtsexperten der USA. In Tests brachte Wilsons Plastikpistole "Liberator" vor allem den Schützen in Gefahr, weil das erhitzte Plastik beim Abschuss in den Händen explodieren kann oder sich verbiegt. Doch Entwarnung für die Zukunft gibt Spitzer nicht: "Die Technik wird besser und die Fertigung günstiger." Weil die Waffen keine Seriennummer hätten, würden sie vor allem "Terroristen, Kriminelle und Anti-Regierungs-Gruppen" anlocken. "Es wird der Tag kommen, an dem das ein Problem wird."

Dr. Death und die Waffenfräse

Eine weiteres Problem: Die Kunststoffwaffen sind im Metallscanner schwer erkennbar. Im Jahr 2016 fanden Flughafen-Mitarbeiter in Nevada im Handgepäck eines Passagiers eine 3-D-Pistole und fünf Kugeln aus Metall. Diese immerhin nahm der Detektor wahr. In Oregon kamen zwei Männer in Gewahrsam, weil sie eine Schnellfeuerwaffe mit gedrucktem Gehäuse gebaut hatten. Als Vorbestrafte wären sie auf legalem Wege nicht an eine Waffe gekommen, so schon. Und im Jahr 2017 verurteilte ein Gericht in Kalifornien einen illegalen Waffenhändler mit dem Markennamen "Dr. Death", der mit einer CNC-Werkzeugmaschine Waffen gefräst hatte.

Eine solche Maschine verkauft auch die Firma des Bauplan-Schöpfers Wilson. Sie kann dafür verwendet werden, die Verschlusskammer des Sturmgewehrs AR-15 zu bauen. Dies ist der einzige Teil des bei Amokläufern beliebten Gewehrs, dessen Kauf der Staat reguliert - und der Platz, an dem die Seriennummer angebracht ist. Also das fehlende Einzelteil für den Bau einer unregistrierten Waffe.

Der US-Bundesstaat Kalifornien hat auf die neuen Technologien bereits reagiert: Dort muss nun auch für selbstgefertigte Waffen eine Seriennummer beantragt werden. Sich seine eigene Waffe zu bauen ist dort zwar nicht strafbar, der Verkauf nicht registrierter Eigenbauwaffen aber schon. Kriminelle Bastler wird dies zwar kaum abhalten, doch zumindest gibt es eine klare gesetzliche Grundlage für die Strafverfolgung.

Konservative Bundesstaaten sehen hingegen keinen Grund zum Eingreifen, zumal sich die 3-D-Aktivisten bei der Veröffentlichung der Pläne auf den Schutz der Meinungsfreiheit berufen - und sich damit argumentativ unter den Schutzschirm der verfassungsmäßigen Grundrechte begeben.

Sorge vor Metalldruckern

Noch geht von gedruckten Waffen keine überproportionale Bedrohung aus, da die Verbreitung von Handfeuerwaffen in den USA ohnehin extrem hoch ist. Eine neue Dynamik könnte jedoch entstehen, wenn 3-D-Metalldrucker günstiger und verlässlicher werden. Anders als die im Consumer-Bereich weit verbreiteten Plastikdrucker, kommen die Metalldrucker bislang vor allem in der Forschung und in einigen industriellen Fertigungen zum Einsatz. Eine Waffe aus Metall zu drucken, kostet derzeit noch einige Tausend Dollar - und damit um einiges mehr, als eine Waffe auf dem gut sortierten US-Schwarzmarkt zu besorgen.

Außerhalb der USA jedoch könnten Waffen aus dem 3-Drucker nach Bauplänen wie jenem von Cody Wilson am Ende sogar zu einem noch größeres Problem werden als innerhalb. "Wenn ich in Ländern mit starker Regulierung lebe, muss ich mir im Moment noch geschmuggelte Waffen besorgen", sagt Schusswaffen-Historiker Spitzer. Und das wäre teuer und aufwendig. Die meisten Downloads nach der ersten Veröffentlichung von Wilsons Druckplänen kamen aus Spanien, danach erst folgten die USA, dann Brasilien, Deutschland und Großbritannien.

In Singapur droht die Todesstrafe

In den USA liegen zwei Gesetzentwürfe zur Verschärfung des Waffenrechts vor, acht von zehn Amerikanern sind gegen die 3-D-Waffen. Die Erfolgsaussichten sind trotzdem zweifelhaft: Der US-Kongress legt sich politisch zu häufig selbst lahm und der Einfluss der Waffenlobby ist groß. "Wir können natürlich warten, bis das in zehn Jahren zu einem Problem wird", sagt Spitzer. "Aber es ist einfacher, das jetzt anzugehen. Für mich gibt es kein vernünftiges Argument, solche Waffen frei zirkulieren zu lassen."

Dem Vernehmen nach wurden bisher die meisten 3-D-Waffen nicht in den USA, sondern in Australien konfisziert, das für seine strengen Waffengesetze bekannt ist. Im Jahr 2016 hob die Polizei einen Drogenring aus, der auch eine Produktionsstätte für Maschinenpistolen aus dem 3-D-Drucker betrieb. Die australische Provinz New South Wales hat den Besitz von digitalen Waffenplänen gesetzlich verboten. Auch anderswo wurden entsprechende Gesetze erlassen: Großbritannien verbot bereits 2013 den Druck, Besitz oder Verkauf von 3-D-Waffen. In Deutschland ist es ebenfalls illegal, eine Waffe auszudrucken und zu besitzen. Und in Singapur steht auf den Besitz sogar die Todesstrafe.

Wilsons Pläne jedenfalls, die er vor einigen Jahren und dann nochmal im Juli für einige Tage ins Netz gestellt hatte, kursieren weiterhin - wer sie sucht, findet sie.

Freizeit "Das ist die nächste Stufe von Do-it-yourself"

Maker-Bewegung

"Das ist die nächste Stufe von Do-it-yourself"

3-D-Drucker, Drohnenbau-Workshops, ein Ostereierbemalungsroboter: Die Maker-Bewegung trifft sich in Gemeinschaftslaboren, um zu werkeln - und um die Welt zu verbessern.   Von Titus Arnu