Gastarbeiter in Saudi-Arabien Die Sprache der Kamelpeitsche

Qualvolle Schläge: Der Gastarbeiter in Saudi-Arabien, der um Gnade fleht

Ein brutales Video dokumentiert, wie in Saudi-Arabien Gastarbeiter behandelt werden. Das ganze Land diskutiert nun über den richtigen Umgang mit den Millionen Menschen aus Bittsteller-Nationen, ohne die am Golf längst nichts mehr laufen würde.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die Szene ist menschenverachtend. Ein Mann im orangefarbenen Arbeitsanzug, die Augen von den Schlägen zugeschwollen, fleht um Gnade. Der Mann im weißen Gewand, Käppchen auf dem Kopf und Peitsche in der Hand, bleibt ungerührt. "Warum hast du Madame angesprochen? Warum? Bist du ein Saudi? Nein!" Dann ohrfeigt, bespuckt, tritt er den Gepeinigten wieder, schlägt ihn mit der Kamelpeitsche auf den Rücken, ins Gesicht, auf den Unterleib. Noch ist offen, wo genau das Video gedreht wurde. Klar zu sein scheint, dass es ein Saudi ist; er beschuldigt einen asiatischen Müllmann oder Gärtner, seine Ehefrau angesprochen, belästigt zu haben. Das Opfer, wohl ein Inder, spricht gebrochen Arabisch: "Genug, ich sterbe!" Den Saudi erweicht das nicht: "Sterben? Ich werde dir zeigen, was sterben heißt!"

Das Video hat in Saudi-Arabien eine Debatte über den Umgang mit Gastarbeitern ausgelöst. Die Kommentare im Internet reichen von Empörung bis Zustimmung, von "Der Diener ist immer der Schwache" bis zu "Der hat es verdient". Die offiziellen Medien haben das Thema noch nicht aufgegriffen, die saudische Regierung will den Fall aber "untersuchen". Das Versprechen hat sie schon oft gegeben - Gewalt gegen Gastarbeiter ist alltäglich im Wüstenkönigreich und in den Nachbarstaaten.

Kürzlich war im Internet zu sehen, wie ein Golf-Araber einen Asiaten zusammenschlägt und mit einem Jeep überfahren will. Vor wenigen Tagen haben Menschenrechtsorganisationen wieder ein vernichtendes Urteil gefällt über Saudi-Arabien: Das Land "ragt hervor bei Unterdrückung und bei der Nichterfüllung der Normen des UN-Menschenrechtsrats". Dabei wollen die Saudis doch anerkannt sein in der Weltgemeinschaft, in Deutschland offenbar U-Boote bestellen, sich der arabischen Welt als Führungsnation andienen.

Gewalt ist üblich

Im Nachbarland Katar ist es nicht besser; es geht um Heerscharen von Asiaten, die Stadien und Hotels für die Fußball-WM 2022 bauen. Auch dort sind Arbeits- und Wohnverhältnisse skandalös, die Löhne miserabel. Die übliche Menschenrechtsdebatte hat begonnen. Von den Plantagenarbeitern auf den saudischen Dattelfarmen, den Hausmädchen, Fahrern, Gärtnern redet kaum jemand. In den Supermärkten und Boutiquen der Glitzer-Malls arbeiten fast nur Ausländer. Amerikaner, Europäer, Südafrikaner sind im Management tätig, Millionen Menschen aber stammen aus Bittsteller-Nationen: Inder, Pakistaner, Afghanen, Philippiner, Bangladescher, Ägypter, Jemeniten. Ihnen steht neben der Haushaltsfron - bei christlichen Frauen aus Ländern wie den Philippinen oder Thailand oft verbunden mit sexueller Belästigung - nur Fabrikarbeit offen, der Taxidienst, die Müllabfuhr.

Menschen wie der indische Müllmann bleiben zwei bis fünf Jahre, schließen einen Vertrag mit einem "Sponsor", der ihren Pass an sich nimmt. Politische Rechte haben sie keine; Malls, Museen oder Restaurants sind für sie oft tabu. Kündigen kann der Ausländer nur mit Einverständnis des Sponsors. Feudalismus, Apartheid, Sklaverei, sagen Menschenrechtler.

Golfstaaten sind sagenhaft reich

Die Golfstaaten sind sagenhaft reich, aber auf Gastarbeiter angewiesen. In Katar machen die Einheimischen 20 Prozent der Bevölkerung aus, in den Vereinigten Emiraten zehn, in Kuwait 30. In Saudi-Arabien arbeiten neun Millionen "Expatriates", das ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Regierung versucht nun eine "Saudiisierung", doch mangelt es dafür an Qualifikation und Arbeitsmoral. Oft steht neben dem einheimischen Angestellten ein Gastarbeiter, der dessen Job erledigt.

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. In Ägypten sind die Überweisungen der im Ausland tätigen Arbeiter einer der wichtigsten Posten im Nationaleinkommen. Ähnliches gilt für viele asiatische Staaten. Der Golf-Experte Christopher M. Davidson schreibt, die meisten Gastarbeiter folgten ihren Vätern oder Brüdern. Sie würden die Bedingungen kennen und weit mehr verdienen, als es zu Hause möglich wäre. Sein Urteil: "Nur sehr wenige können als Sklaven gesehen werden."