Kampf gegen Gaffer:Code und Köder

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Kampf gegen Gaffer: "Achtung! Gaffen tötet!": Diese Botschaft leuchtet auf dem Handy auf, wenn Schaulustige ihre Smartphone-Kameras auf die neu designten Rettungswagen der Johanniter-Unfall-Hilfe richten.

"Achtung! Gaffen tötet!": Diese Botschaft leuchtet auf dem Handy auf, wenn Schaulustige ihre Smartphone-Kameras auf die neu designten Rettungswagen der Johanniter-Unfall-Hilfe richten.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Auf immer mehr Rettungswagen der Johanniter-Unfall-Hilfe prangt ein auffälliges QR-Code-Design. Die Sanitäter wollen damit Gaffer sensibilisieren. Aber kann das funktionieren?

Von Moritz Geier

Mönchengladbach, ein Tag im Juni 2021. Vor einem Café bricht ein Mann zusammen, 70 Jahre alt, Herzstillstand. Als der Notarzt kommt und versucht, den Mann wiederzubeleben, versammeln sich immer mehr Menschen am Unglücksort. Und fotografieren. Filmen. Gaffen. Fünf junge Frauen, so berichtet hinterher der WDR, hätten daraufhin spontan einen Sichtschutz gebildet, eine Kette aus Körpern zwischen dem Patienten und den Schaulustigen. Die Frauen lassen sich Decken aus dem Café reichen und schirmen damit den Mann vor Blicken ab, bis die Feuerwehr eine eigene Schutzwand aufbaut.

Das Phänomen des Gaffens ist in den vergangenen Jahren hinreichend beklagt und diskutiert worden, das sensationsgierige Fotografieren in Mönchengladbach schließlich kein Einzelfall. Nicht selten behindern ja Menschen, die sich Unfallorten nähern, um Fotos oder Videos zu machen oder einfach nur zu schauen, fatalerweise auch Rettungskräfte. Kürzlich wurde deswegen sogar das Gesetz nachgeschärft: Gaffen kann seit Anfang vergangenen Jahres mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden.

Weil härtere Sanktionen als Abschreckung aber kaum reichen werden, um das Problem in den den Griff zu bekommen, versucht es die Johanniter-Unfall-Hilfe seit vergangenem Jahr mit einer anderen Idee, unmittelbar vor Ort: Im Rahmen eines Pilotprojekts hat die Hilfsorganisation mehrere Rettungswagen auf den Seiten und dem Heck mit riesigen QR-Codes beklebt. Erfasst eine Handykamera den Code, erscheint auf dem Display sofort eine Warnung: "Gaffen tötet". Der Smartphone-Nutzer wird auf eine Webseite geleitet, die ihn über die Gefahren und die juristischen Folgen des Gaffens aufklären soll. Gerade hat die Rettungsorganisation in Angermünde in der Uckermark einen weiteren solchen Wagen im "Anti-Gaffer-Design" vorgestellt, es ist der erste in Brandenburg. Bundesweit, heißt es, seien bereits 25 im Einsatz.

Studien belegen, dass Unfälle Menschen geradezu "magisch" anziehen

Ob es hilft? Vermutlich hängt das im Einzelfall auch vom Motiv des Gaffenden ab. Sogenannte Katastrophentouristen, Menschen also, die absichtlich an Unfallorte fahren, um zu filmen, dürften jedenfalls den kleinsten Teil des Problems ausmachen. Womöglich denken manche Schaulustige gar, sie würden helfen, indem sie das Geschehen dokumentieren. Das vermutet zumindest Marisa Przyrembel von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften, die das Pilotprojekt der Johanniter wissenschaftlich begleitet.

Menschen, sagt sie, würden zu Gaffern "weil sie unbedingt das Video mit der ,Sensation' aufnehmen wollen, oder auch, um mit ,guter Absicht' das Geschehen zu dokumentieren". Die Reaktion sei durchaus verständlich, Unfälle zögen Menschen nun mal nahezu "magisch" an, was Eye-Tracking-Studien belegten. Einige, vermutet die Forscherin, würden das Geschehen zudem einfach nur beobachten, weil sie die Expertise der Rettungskräfte bewundern und "ihren Helden" nah sein möchten. Und dann kommt auch noch der sozialpsychologisch gut erforschte Bystander-Effekt hinzu, jeder verlässt sich auf den anderen, irgendjemand wird schon helfen - und am Ende stehen alle tatenlos daneben.

Aufklärung und Selbstreflektion könnten daher mehr helfen als harte Strafen, glaubt die Johanniter-Unfall-Hilfe. Einen ersten Zwischenbericht über die Wirkung des Anti-Gaffer-Designs wollen die Forscher im Frühsommer vorlegen, insgesamt ist das Projekt auf zwei Jahre angelegt. Zum Phänomen des Gaffens soll es danach auf jeden Fall konkretere Statistiken geben. Die Zugriffe auf den Warnhinweis seien nach jedem Einsatz ablesbar, heißt es. Und Rettungskräfte würden fortan dokumentieren, wie viele Schaulustige mit Handys bei einem Einsatz gezählt wurden.

Überhaupt die Rolle des Handys: Psychologen gehen davon aus, dass das Smartphone für den Gaffer die gefühlte Distanz zum Unfallopfer vergrößert - weil es den Schrecken der Wirklichkeit gewissermaßen ins Digitale entrückt. Wenn die QR-Code-Idee funktioniert, dann könnte das Smartphone also womöglich ein Problem lösen, das es selbst zu einem großen Teil geschaffen hat.

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