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Fußball:Jeder ein Leder

Viele Kinder spielen mit zusammengeschnürten Lumpen oder einem Knäuel aus Altpapier. Papst Franziskus aber findet: Alle kleinen Kicker haben das Recht auf einen ordentlichen Fußball.

"Der Fußballwahn ist eine Krank-/ heit, aber selten, Gott sei Dank!", dichtete einst Joachim Ringelnatz. Selten? Da hat sich der alte Ringelnatz gehörig getäuscht, muss man ihm aber nicht vorwerfen: Joachim Ringelnatz lebte von 1883 bis 1934, lange vor Franz Beckenbauer und Sepp Blatter; lange bevor der Fußball krakengleich um den Erdball zu greifen begann. Doch dies soll kein widergekäutes Wehklagen über Kommerz und Korruption im Fußball werden, es geht vielmehr um die kleine Kugel selbst, dieses runde Ding, das von einem wie dem Beckenbauerfranz lichtgestaltgleich geführt und von Jungen in Afrika freudestrahlend gelupft werden kann. Der Fußball ist ein Sportgerät aus Leder von maximal 70 Zentimetern Umfang, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

In Rom treffen sich dieser Tage Lichtgestalten aus allen möglichen Branchen zur Konferenz "Sport im Dienst der Menschlichkeit", die Eröffnungsrede hielt Papst Franziskus, Mitglied 88 235 beim argentinischen Fußball-Erstligisten Atlético San Lorenzo de Almagro. Er sagte: "Wir alle kennen den Enthusiasmus von Kindern, die in den Vororten der großen Städte oder auf den Straßen kleiner Dörfer mit einem platten oder aus Lumpen gebastelten Ball spielen", und jedes Kind habe doch das Recht auf einen ordentlichen Fußball. Einen aus Leder, einen, den man sich nicht erst selbst zusammenbasteln muss.

Wer arm ist, schnürt ein Paket aus Tüten oder Papier oder Lumpen so zusammen, dass es rund ausschaut, und dann kickt er damit, bis es kaputt ist. Wer wohlhabend ist, kauft sich den WM-Ball "Brazuca" für 90 Euro; für die Kinder in Größe 4, der ist leichter und einfacher zu dribbeln, außerdem tun den Kindern dann die Knie nicht zu sehr weh nach dem Spielen. Der Fußball ist nicht bloß ein Sportgerät von maximal 70 Zentimetern Umfang. Arm oder reich, du bist, was du kickst.

Der Fußball ist mehr als ein Sportgerät. Arm oder reich: Du bist, was du kickst

Uwe Seeler und die anderen alten Recken erzählen gern, wie sie damals, nach dem Krieg, mit Lumpenbällen schossen, und wie sie sich dann freuten, als sie echte Lederbälle bekamen, solche aus schwarzen und weißen Fünf- und Sechsecken. In Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern", der in der Nachkriegszeit spielt, gibt es diese Szene, als der Vater dem Jungen überraschend einen Fußball schenkt, als Ersatz für das alte Lumpenpaket. Der Fußball steht da für die beginnende Versöhnung zwischen Vater und Sohn, und das mag jetzt kitschig klingen, aber das ist es nicht.

Bei Ringelnatz übrigens ist es so: Ein Junge kickt und tritt gegen alles, was nicht fest ist, "da schwirrten Äpfel, Apfelsinen/ durchs Publikum wie wilde Bienen./ Da sah man Blutorangen, Zwetschgen/ an blassen Wangen sich zerquetschen./ Das Eigelb überzog die Leiber,/ ein Fischkorb platzte zwischen Weiber", und es besteht kein Zweifel, dass all das nicht passiert wäre, wenn der Junge einen richtigen Ball gehabt hätte.