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Homophobie im Fußball:Warum in Brasilien kaum ein Fußballer die 24 tragen will

WM 2014 - Deutschland - Brasilien 7:1

Miroslav Klose (li.) jubelt nach einem Treffer im Halbfinalspiel der WM 2014 zwischen Deutschland und Brasilien im Estadio Mineirão in Belo Horizonte.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Spieler mit dieser Rückennummer gelten als homosexuell. Das geht auf eine Tierlotterie zurück. Einige Klubs haben der Homophobie nun den Kampf angesagt.

Niemand hatte Víctor Cantillo gewarnt. Anfang dieses Jahres wechselte der Fußballer zum brasilianischen Erstligisten Corinthians. Zuvor hatte er stets nur für Teams in seiner Heimat Kolumbien gespielt, oft mit der Rückennummer 24 auf dem Trikot, die er gerne auch bei seinem neuen Klub tragen wollte. Anderswo auf der Welt wäre das vermutlich kein Problem gewesen, in Brasilien aber erntete Cantillo erschrockene Blicke, und Duilio Monteiro Alves, der Fußballdirektor der Corinthians, erklärte seinem neuen Spieler kopfschüttelnd: "Die 24, die gibt es hier nicht."

Tatsächlich hatte er damit nicht ganz unrecht: Von 600 aktiven Spielern in der ersten brasilianischen Liga trug vergangenes Jahr nur ein einziger die Nummer 24 - ein zweiter Ersatztorwart. Ähnlich sieht es in den unteren Ligen aus, bei Amateurklubs, Strandkickern, Schulhofmannschaften: Niemand will die 24 haben.

Das liegt nicht etwa an Aberglauben, sondern an fehlgeleiteter Machokultur: Die Zahl 24 steht in Brasilien für Homosexualität.

Lotterie mit Tierbildern

Die Gründe dafür sind etwas verworren und reichen zurück bis ins vorvergangene Jahrhundert. Damals hatte der Zoo von Rio de Janeiro Geldnöte und führte eine Lotterie ein, um Besucher anzulocken. 25 Tierarten von Vogel Strauß bis Bär und Kuh wurden von 1 bis 25 durchnummeriert und eine täglich zum Tier des Tages gekürt. Wer deren Zahl auf der Eintrittskarte hatte, gewann.

Die Lotterie hatte Erfolg, die Pforten des Zoos blieben geöffnet. Bald aber bildeten sich vor ihnen auch Menschentrauben, die Wetten auf das Ergebnis der Ziehung abschlossen. Als die Polizei versuchte, dem Einhalt zu gebieten, geriet die Sache erst recht außer Kontrolle, weil Wettanbieter nun einfach ihre eigenen Tierspiele veranstalteten.

Heute ist das Jogo do Bicho ein illegales Millionengeschäft, in ganz Brasilien wetten Menschen auf durchnummerierte Tierbilder. Der Hund ist dabei die 5, der Adler eine 2, die 24 aber ist dem Hirsch zugeordnet, veado auf Portugiesisch, umgangssprachlich auch ein Wort, das sich mit der despektierlichen Bezeichnung "Schwuchtel" übersetzen lässt. So ist es gekommen, dass die 24 in Brasilien heute allgemein für Homosexualität steht.

In dem Land sind Machokultur und Schwulenhass tief verankert. Im Schnitt muss in Brasilien alle 20 Stunden ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung sterben, hat die Organisation Grupo Gay da Bahia berechnet. Die Zahlen allerdings stammen noch von 2017, damals wurde Brasilien noch nicht von einem Präsidenten regiert, der sagt, er hätte lieber einen toten Sohn als einen schwulen.

Homophobe Schmähgesänge

Homophobie ist auch in Deutschland, England oder Italien ein Problem in Stadien. In Brasilien aber ist der Hass in der Fankurve überbordend. Die Texte von Schmähgesängen beziehen sich fast immer auf die angebliche sexuelle Orientierung gegnerischer Spieler, auf deren Mannschaften oder Fans. Trainer erklären öffentlich, dass sie Homosexuelle nicht in ihren Teams dulden würden. Spieler müssen sich entschuldigen, wenn sie allzu innige Fotos von sich und ihren Freunden im Netz posten. Und kommt ein Fußballer auch nur in den Verdacht, Männer zu lieben, fordern selbst die Fans der eigenen Mannschaft seinen Rauswurf.

Kein Wunder also, dass niemand mit der 24 auflaufen will. In den brasilianischen Ligen wird die Nummer darum meist einfach übersprungen, und um Streit zu vermeiden, bekommt bei internationalen Turnieren meist irgendein Auswechselspieler die 24 verpasst.

Langsam aber setzt ein Umdenken ein, nicht nur bezüglich der weit verbreiteten Homophobie, sondern auch, was die 24 angeht. Auslöser sind zum einen schärfere Gesetze: Trotz Protest von Präsident Jair Bolsonaro entschied der Oberste Gerichtshof vergangenen Juni, Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Identität zu einer Straftat zu erklären. Daraufhin führte das oberste brasilianische Sportgericht Strafen für homophobes Verhalten von Klubs, Spielern und Fans ein. Stimmen diese zum Beispiel schwulenfeindliche Gesänge an, können ihrem Team Punkte abgezogen werden.

Tatsächlich unterbrach wenige Wochen später der Schiedsrichter eine Partie zwischen dem FC São Paulo und Vasco da Gama aus Rio. Dessen Fans skandierten homophobe Sprechchöre, erst als der Vasco-Trainer und auch der Stadionsprecher einschritten, wurde es stiller und das Spiel fortgesetzt.

Eckfahnen in Regenbogenfarben

Das sind kleine Schritte im Kampf gegen ein großes Problem. Längst aber haben auch einige fortschrittliche Klubs Kampagnen gegen Homophobie gestartet, allen voran der EC Bahía. Er stellte Eckfahnen in Regenbogenfarben in seinem Stadion auf, und seit dieser Saison trägt der Mittelfeldspieler Flávio Medeiros da Silva statt der 5 die 24. Diese sei eine Nummer des Respekts, sagt der Klub und bekommt dabei Unterstützung von einem Fußballmagazin, das dazu aufruft, sich ganz bewusst für die verschmähte Rückennummer zu entscheiden.

Fußball könne ein Ventil für die schlimmsten Facetten der Gesellschaft sein, sagt Guilherme Bellintani, der Präsident des Clubs EC Bahía. Er könne aber auch dazu beitragen, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern. "Ich glaube, Klubs müssen sich entscheiden, ob sie für Hass oder Liebe stehen", sagt Bellintani. "Wir haben uns für die Liebe entschieden."

Duilio Monteiro Alves, der Fußballdirektor der Corinthians, musste sich übrigens entschuldigen für seinen abfälligen Kommentar über die 24. Und Víctor Cantillo, der neue kolumbianische Mittelfeldspieler, hat am Ende seinen Willen durchgesetzt: Auf seinem Trikot steht die Rückennummer 24.

© SZ/nas
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