Fusion Das Festival, das alle wollen

"Karneval der Sinne" nennt der Veranstalter sein längst legendäres und zuletzt so umkämpftes Fusion-Festival in Lärz.

(Foto: dpa)

Nach monatelangen Diskussionen ums Sicherheitskonzept beginnt das Fusion-Festival im mecklenburgischen Lärz. 70 000 Menschen strömen in den 501-Einwohner-Ort - ein Besuch.

Von Peter Burghardt, Lärz

Auf der einen Seite des alten Militärflugplatzes von Lärz läuft jetzt also wie geplant das Fusion Festival, natürlich ist es seit Monaten ausverkauft. 70 000 Besucher, eine gewaltige Zeltstadt, ein Programm wie ein Dschungel der Fantasie. Von Techno bis Theater, Avantgarde und Performance, fünf Tage und Nächte lang. "Karneval der Sinne" nennt der Veranstalter Kulturkosmos seine längst legendäre und zuletzt so umkämpfte Schöpfung, "Ort ohne Zeit". Motto: "Ferienkommunismus." Jenseits der Gitter auf der anderen Seite des rissigen Rollfeldes, heutzutage Piste für Sportflugzeuge, führt ein Mann in die örtliche Vergangenheit.

Man überreicht ihm die verlangten fünf Euro Eintritt, dann darf man sich sein Luftfahrtmuseum ansehen. Es ist ein skurriler bis gruseliger Kontrast zum Ferienkommunismus nebenan, denn da sind unter anderem Waffen und Devotionalien der Nazis ausgestellt. Dazu Relikte der Nationalen Volksarmee der DDR und russisches Vermächtnis. Im Nebenzimmer hängt ein Foto von Wladimir Putin und eines vom Hausherrn mit Egon Krenz. An Heinz Rühmann wird auch erinnert, der machte hier einst seine Grundausbildung. So war es früher in Lärz. Der Müritz Airpark, wie er heute heißt, diente der NS-Luftwaffe als Versuchsfeld, dann kam die Rote Armee und stationierte auf diesem Gelände jahrzehntelang MiG-Kampfbomber und Hubschrauber. Die nicht mehr ganz jungen der 583 Bewohner von Lärz haben noch den Lärm der Maschinen im Ohr, mittlerweile donnern gelegentlich Eurofighter über den deutschen Nordosten. Zwei davon sind gerade ganz in der Nähe nach einer Luftkampfübung abgestürzt, ein Pilot starb. Ein paar alte russische Modelle stehen vor dem Museum - der Betreiber hat sie gekauft, als die Russen 1993 abgezogen waren. Aber auch er mag die deutlich pazifistischere Fusion gegenüber.

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"Die sind in Ordnung", sagt er, "die sind auch sozial eingestellt." Er zeigt hinüber. "Fünf Tage bumm, bumm, bumm", na ja, genau genommen fällt die Akustik variabler aus, aber egal, er hat jedenfalls gar nichts dagegen. Und klar, ein Wirtschaftsfaktor sei das auch, obwohl: "Für den kleinen Mann kommt da nicht viel rum", eher für die Supermärkte der Umgebung. Den Kulturkosmos-Anführer Martin Eulenhaupt nennt er wie praktisch jeder in Lärz "Eule". Den Streit um das Festival hält er für ein politisches Intrigenspiel, auch das sehen viele Einheimische so.

Fragt man ein wenig im Dorf herum, dann trifft man hauptsächlich auf Menschen, die ihre Attraktion schätzen und schützen. Lärz liegt mitten in der zauberhaften mecklenburgischen Seenplatte, gleich an der Müritz und doch im Normalfall eher abgelegen und still. Die Häuser reihen sich vornehmlich an einer Kopfsteinpflasterstraße auf. Es gibt eine alte Kirche, von der alten Bäckerei ist nur eine Gedenktafel geblieben. Die auffälligsten Plakate tragen diese Botschaft: "FUSION BLEIBT! Das lassen wir uns nicht nehmen."

Ein Exemplar hängt auch am Lokal Lindenhof, der einzigen Kneipe von Lärz. Tagesgericht: mit Hack gefüllte Paprika, drüben auf dem Festival gibt es kein Fleisch. Wirtin Claudia Steinemann drückt einem eine Postkarte in die Hand. "Viele Grüße aus Lärz", steht drauf. "Dieses Dorf hat die Fusion. Hier triffst Du die Welt, und die Welt trifft Dich!", dazu Bilder vom Festival. "Kein Ärger, kein Krach", sagt Claudia Steinemann an der Theke, "also Krach schon, aber kein Krawall", draußen rattern Wohnmobile und VW-Busse vorbei. Der Verkehr nimmt halt ein wenig zu, wenn 70 000 Menschen auf 583 Einwohner kommen, auch wenn viele mit der Bahn fahren und manche mit dem Fahrrad.

Zehntausende Unterschriften für die letzte Bastion

Und weil von Krawall keine Rede sein kann, haben sie in Lärz für ihre Fusion demonstriert, Kulturkosmos und Unterstützer sammelten derweil Zehntausende Unterschriften. Die Polizei wollte wegen angeblicher Sicherheitsbedenken ein Großaufgebot auf das Areal schicken, dabei kommt der autonome Ferienkommunismus seit Jahrzehnten ohne Uniformierte aus und übrigens auch ohne Produktwerbung. Kulturkosmos hielt mit der Drohung dagegen, die Fusion abzusagen, falls die Hundertschaften anrücken. Dank enormer Solidarität setzte sich das Festival durch. Fusion bleibt. "Ein Statement", finden zwei junge Männer aus Hannover. "Die letzte Bastion."

Sie kippen am Lindenhof noch rasch einen Kümmelschnaps, es ist heiß, nachher bauen sie ihr Zelt auf. 145 Euro kostet das Ticket, Gäste können sich den Eintritt auch erarbeiten, das Festivalarbeitsamt hilft. "Du kannst dieses Festival mit nichts vergleichen", die zwei Hannoveraner schwärmen. Selbst verwaltet, sagenhafte Logistik, frei von Kommerz. Sie wollen "feiern und zeigen, dass wir zu einer Bewegung gehören". Natürlich ist die Fusion auch sehr politisch, mit Beiträgen zu Themen wie "Global Securitization & Resistance" oder "schöne neue Polizeigesetze".

An diesem Freitag gehen die Politpunker Feine Sahne Fischfilet auf die Bühne. Rechtsextreme spielen in Lärz keine Rolle. "Fusion gehört einfach zu unserem Ort", sagt eine Frau im Badeanzug, 58 Jahre alt, sie steht am Gartenzaun. Mit ihren Söhnen sei sie mal auf dem Festival gewesen, "ich war total fasziniert". Und Kulturkosmos helfe auch der Kita nebenan. Und die Polizei, das große Thema diesmal? Die hat eine mobile Wache aufgestellt und kontrolliert Autofahrer, zum Beispiel auf Rauschmittel. Am Straßenrand überprüfen Beamte ein Stück weiter einen Kastenwagen, darauf ein Wort: "Utopia."

Festival-Liebe

"Keiner rollt das R so tight wie du ;)"