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Fünf Jahre nach Amoklauf in Winnenden:Notfallschalter und ein Raufclub an der Albertville-Schule

Er trat sein Amt nach der Tat an, weil seine Vorgängerin nicht mehr konnte. Und er hat gelernt, dass er langsamer vorgehen muss als geplant, dass hier noch viel aufzuarbeiten. Es gibt nun einen "Raufclub", in dem sich Schüler mit Schaumstoffstöcken fetzen können. Delegationen aus der ganzen Welt besuchen ihn. Zum Schuljahresbeginn kommen Sozialarbeiter in die Klassen. Und dann sind da die Notfallschalter in den Zimmerecken. Gibt es Alarm, können die Türen per Knopfdruck geschlossen werden und alle müssen sich in die "sicheren Bereiche" stellen. Dort, wo keine Kugeln hinfliegen können, falls jemand wieder durch die Tür schießen sollte. Jedes Jahr wird das nun geübt. Acht Millionen Euro haben die Umbauten gekostet.

Wie mit den finanziellen Fragen umgegangen wurde, sei der unwürdigste Aspekt in der Aufarbeitung des Amoklaufs, sagt Oberbürgermeister Holzwarth. Erst in diesen Wochen erhalten die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden Schadenersatz von der Haftpflichtversicherung von Tims Vater. Ein Strafgericht hat ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt: Der Sportschütze hatte die Waffe, eine Beretta, und die Munition nicht weggeschlossen - und damit dem Sohn die Tat erleichtert. Zumindest einen Teil der Sachschäden will die Stadt erstattet bekommen. Die Allianz-Versicherung wäre bereit, einige Hunderttausend Euro freiwillig zu zahlen. Der Vater - Eigentümer einer Verpackungsfirma und mittlerweile mit Tochter und Frau unter neuer Identität weggezogen - sollte 500 000 Euro beisteuern. "Dann wäre alles erledigt gewesen", sagt Holzwarth. Doch der Mann wollte nicht; er kommuniziert nur über seine Anwälte.

Jetzt klagt die Stadt gegen ihn. Der Vater seinerseits verklagt die Psychiatrie, bei der sein Sohn wegen Depressionen in Behandlung war. "So kalt und distanziert, wie er mit dieser Sache umgeht, kann ich mir ein wenig vorstellen, wie schwierig es für seinen Sohn war mit ihm", sagt der Bürgermeister. Aber: Aufgeben will er ihn nicht. Es wäre schön, sagt Holzwarth, wenn der Vater auch einmal Anteil nehmen würde.

Jeder war indirekt betroffen

Wobei das so einfach wohl nicht wäre. "Wenn er bei uns einfach so dazukäme, da würden manche vielleicht immer noch ausrasten vor Wut", sagt Adrian König. Der Gymnasiast und Jugendgemeinderat hat sich mit seiner jungen Ratskollegin Stella Holzäpfel in einem Café getroffen, um über das Erinnern der Jugend zu sprechen: Eine Lichterkette veranstalten sie am Dienstagabend. Auch ihr Leben hat sich verändert. Überall, wo sie nun zu erkennen geben, dass sie aus Winnenden kommen, werden sie auf den Amoklauf angesprochen. Das nervt. Und doch: Wer als Jugendlicher in Winnenden das Wort "Amok" so dahersagt, der wird von den anderen schief angeschaut. Aufmerksamer sind die Menschen hier geworden. Denn jeder hat Bekannte, die einem Opfer nahestanden.

"Wir wollen uns erinnern, wieder zusammenstehen, umarmen für einen Abend", sagt die Schülerin Holzäpfel. 15 Rosen wird die Jugend niederlegen. Diesmal, nach fünf Jahren, diskutiert der Jugendgemeinderat auch, ob eine sechzehnte dazukommen soll. Eine für Tim K.