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Frühchen-Tode in Bremer Klinik:"Wir haben einen Fehler gemacht"

Der Darmkeim, der drei Frühchen in einer Bremer Klinik das Leben gekostet hat, wurde dort bereits im April dieses Jahres nachgewiesen. Und schon im Juli soll es nach SZ-Informationen mehr Todesfälle auf der Station gegeben haben als üblich. Doch das Krankenhaus wurde viel zu spät aktiv, wie die Verantwortlichen jetzt selbst einräumen.

Die drei Frühgeborenen, die im August und Oktober im Bremer Klinikum Mitte an einer Infektion mit einem gefährlichen Darmkeim gestorben sind, könnten womöglich noch leben. Die Klinikleitung musste am Donnerstag zugeben, "dass wir einen Fehler gemacht haben".

NAH DRAN - REPORTER IM WDR: 510 GRAMM LEBEN - BEOBACHTUNGEN AUF EINER FRÜHGEBORENEN-STATION

Deutlich früher als bisher bekannt ist in einer Bremer Klinik erstmals der Erreger aufgetaucht, an dem drei frühgeborene Babys gestorben sind. Wie das Krankenhaus am Donnerstag einräumte, hätte es die Gesundheitsbehörden früher informieren müssen.

(Foto: OBS)

In den letzten zwei Tagen, so der Geschäftsführer Diethelm Hansen, seien die Krankenakten des ersten Halbjahres 2011 überprüft worden. Demnach sei der fragliche Keim bereits im April, Mai und Juni bei mehreren Kindern festgestellt worden. Der Verdacht, dass es sich um einen epidemischen Vorgang handeln könnte, kam damals aber niemandem - ein folgenschweres Versäumnis.

"Wir hätten nach heutigem Stand das Gesundheitsamt früher informieren müssen", sagte Hansen. Dass dann auch das Robert-Koch-Institut als Einrichtung der Bundesregierung zur Gesundheitsüberwachung und -prävention früher eingeschaltet und die betroffene Neonatologie früher geschlossen worden wäre, nannte Hansen einen "wahrscheinlichen" Ablauf. Ob dadurch die Kinder, die sich später infizierten, überlebt hätten, weil sie in ein anderes Krankenhaus oder eine andere Abteilung gekommen wären, ließ Hansen offen. Ein für die Hygiene verantwortlicher Arzt, der gleichzeitig Chef der Kinderklinik ist, habe mittlerweile jedenfalls seine Zuständigkeit abgegeben, betonte Hansen.

Der Geschäftsführer des Klinikverbunds Gesundheit Nord, dem das Klinikum Mitte angehört, war mit der Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper am Donnerstag an die Öffentlichkeit gegangen. "Wir haben am Morgen auch die Staatsanwaltschaft über die neuen Erkenntnisse informiert", sagte die SPD-Politikerin, die durch Kommunikationspannen im Klinikverbund - sie ist dort Aufsichtsratsvorsitzende - und bei den Gesundheitsbehörden selbst in der Kritik steht.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in drei und fahrlässiger Körperverletzung in einer unbekannten Zahl von Fällen, noch immer gegen Unbekannt.

Vor dem neuen Hintergrund, dass die Verkeimung der Bremer Neonatologie nicht erst Ende Juli, wie bisher behauptet, sondern schon mindestes seit April besteht, könnten sich die Ermittler aber auch für eine weitere Reihe von Todesfällen interessieren. Schon im Juli sind nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ungewöhnlich viele Frühgeborene - mindestens fünf, womöglich sieben - in der Neonatologie gestorben. Sonst sterben im Jahresdurchschnitt insgesamt sieben bis zehn Frühchen.

Auf Nachfrage bestätigte Hansen, dass es "mehr Todesfälle als sonst" im Juli gegeben habe , bestritt jedoch jeden Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen. Im Juli seien mehrere extrem kleine Frühgeborene auf der Station gewesen mit zum Teil schwersten Fehlbildungen, Kinder, "die teilweise nicht überlebensfähig sind". Ein statistischer Zufall sei diese Häufung. Laut Klinikleitung bleibe es bei drei toten Kindern durch den Keim Klebsiella pneumoniae. Zwar sei bei einem weiteren toten Kind der Keim festgestellt worden, Todesursache sei aber eine Gehirnblutung gewesen.

Vor rund einer Woche hatte die Klinik die Öffentlichkeit darüber informiert, dass seit Ende Juli auf der Station für Babys mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm bei 15 Kindern immer ein und derselbe gefährliche Erreger festgestellt worden sei. Dass der Keim Klebsiella pneumoniae über einen Zeitraum von drei Monaten immer wieder in unveränderter Form auftrete, sei eine "außergewöhnliche, dramatische Situation", sagte Diethelm Hansen. Zwei Jungen und ein Mädchen hätten die Infektion nicht überlebt, sie seien am 8. August, am 16. sowie am 27. Oktober gestorben. Sieben weitere seien erkrankt.

Nach dem dritten Todesfall schaltete die Bremer Gesundheitsbehörde das Robert-Koch-Institut ein. Die Mitarbeiter des RKI sollten helfen, die noch immer nicht gefundene Quelle des gegen Antibiotika resistenten Erregers zu finden. Sie haben ihre Untersuchung inzwischen abgeschlossen, ihr Bericht soll am 23. November vorliegen. Die Chance, die Quelle zu finden, liege bei nur 30 Prozent.

Im Bremer Klinikum Mitte herrscht seitdem der Ausnahmezustand. Besorgte Eltern, die mit ihren Neugeborenen die Klinik bereits verlassen haben, lassen ihre Kinder auf den fraglichen Erreger testen; alle Neuaufnahmen, Kinder und Schwangere, werden gescreent. Vor wenigen Tagen erklärte die Gesundheitssenatorin, dass bei drei weiteren Neugeborenen der Keim gefunden worden sei, die Babys aber nicht erkrankt seien.

Die Neonatologie, für die von den Behörden ein Aufnahmestopp verhängt worden war, ist komplett geräumt, die noch zu behandelnden Kinder sind auf eine Isolierstation verlegt worden. Alle Räume würden nun gründlich desinfiziert.

Unterdessen setzt die Bremer Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen fort. Über die Art, wie sie das tut, gibt es Streit. Die Gesundheitsbehörde hat sich mit einem von Staatsrat Joachim Schuster verfassten Brief bei der Justizbehörde über das forsche Vorgehen des ermittelnden Staatsanwalts Uwe Picard offiziell beschwert. Dass Picard vergangenen Mittwoch, am Tag des Bekanntwerdens der Todesfälle, die Klinikverantwortlichen und Behördenvertreter zur Zeugenvernahme bat, während im Saal nebenan zahlreiche Medienvertreter auf die Pressekonferenz warteten, hält das Gesundheitsressort für unangemessen. Dadurch habe der Staatsanwalt eine "verheerende öffentliche Wirkung" erzielt, schrieb Schuster.

Mit den neuen Erkenntnissen eines früheren Ausbruchs des Keims werden die Ermittler wohl auch genauer untersuchen, welche Informationspannen es zwischen der Frühchenstation und der Klinikleitung, der Klinikleitung und den Behörden sowie innerhalb des Behördenapparats gegeben hat - und weiter die Hygienemaßnahmen in der Klinik untersuchen.

Nach SZ-Informationen haben sich inzwischen mehrere Eltern, deren Kinder in der Neonatologie lagen, bei den Ermittlern gemeldet und ihrer Beobachtungen hinsichtlich der Hygiene dort geschildert. Der SZ liegen Informationen vor, wonach in der Neonatologie schon Anfang Juli ein Besuchsverbot für Angehörige ausgesprochen wurde mit der Begründung, es gebe Probleme mit einem Keim.

Dass zwar diese Maßnahme ergriffen wurde, aber dennoch keine Meldung ans Gesundheitsamt erging, hat möglicherweise Leben gekostet.