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Frühchen-Tod in Bremen:Gutachter sieht schwere Defizite

Wenig Sachverstand bei der Hygiene, fehlendes Personal sowie schlechte Reinigung - diese Gründe nennt ein Gutachter für den Tod von drei Frühchen im Bremer Klinikum Mitte vor einem Jahr. In der Verantwortung sieht er die Geschäftsführung und das Gesundheitsressort.

Der Keimausbruch auf der Frühchen-Station in einem Bremer Klinikum ist nach Ansicht des Hygienikers Prof. Walter Popp auf diverse Missstände zurückzuführen. Die Geschäftsführung der Klinik und das Gesundheitsressort trügen dafür Verantwortung, sagte Popp im Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft.

"Bei der Summe der Defizite kann man von Fahrlässigkeit sprechen." Drei Frühgeborene waren 2011 nach einer ESBL-Keiminfektion in der Klinik gestorben, weitere Babys erkrankten. Für ihn gebe es eine klare Indizienkette, wie sich verschiedene Keime über kontaminierte Lösungen weiter ausbreiten konnten. Selbst in Desinfektionslösungen seien Wasserkeime nachgewiesen worden, sagte der Mediziner, der als Krankenhaushygieniker in Essen tätig ist. "Wenn man Darmbakterien auf der Hand findet, zeuge das von mangelnder Hygiene." Für ihn sei das "ungewöhnlich und unverständlich".

Vor allem kritisierte Popp, dass die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (Krinko) nicht umgesetzt worden seien. Auch hätte der Ausbruch früher erkannt werden können, kritisierte er. Wenn man die Untersuchungsergebnisse im Labor besser im Blick gehabt hätte, wäre der vermehrt auftretende multiresistente Keim eher aufgefallen. Die nach dem dritten toten Frühchen von der Behörde im November einberufene Kommission habe versagt. "Der Krisenstab konzentrierte sich auf die Schadensabwendung nach außen. Die primäre Aufgabe wäre gewesen, den Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen", sagte Popp. "Die sind hier von der Situation komplett überrollt worden."

Auch hätte es mit einem adäquaten Ausbruchsmanagement 2012 keine neuen Fälle gegeben. Nach der Wiedereröffnung der Frühgeborenen-Station im Januar waren erneut ESBL-Keime bei Babies festgestellt worden. Ende Februar wurde die Station geschlossen. Die erste ESBL-Infektion wurde am 30. April 2011 nachgewiesen. Am 8. August des Jahres starb das erste Kind. Die Öffentlichkeit wurde erst im November informiert.

Popp hat für die Staatsanwaltschaft Bremen ein Gutachten zum Keimausbruch im Bremer Klinikum erstellt. Die Behörde ermittelt seit Monaten gegen den Chef der Kinderklinik Hans-Iko Huppertz wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung. "Wir werten das Gutachten aus", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das könne noch mehrere Wochen dauern. Huppertz war im Zuge des Skandals im November 2011 zunächst entlassen worden. Nach einem gewonnenen Prozess vor dem Arbeitsgericht ist er am vergangenen Montag an seinen alten Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Der Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" versucht seit Monaten, Ursachen und Verantwortlichkeiten aufzuklären. Nach Bekanntwerden des Popp-Gutachtens hatte der Ausschuss die Beweisaufnahme wieder aufgenommen. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) ist für den 11. Oktober geladen. CDU und FDP fordern nach dem Frühchen-Skandal nach wie vor den Rücktritt der Senatorin.

© Süddeutsche.de/dpa/dpad/fzg/anri

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