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Tod von Weizsäcker:Angriff wegen einer "wahnbedingten allgemeinen Abneigung"

Schlosspark-Klinik in Berlin am Tag nach der Ermordung von Fritz von Weizsäcker

In der Schlosspark-Klinik in Berlin Charlottenburg wurde Fritz von Weizsäcker am Dienstagabend angegriffen und tödlich verletzt.

(Foto: Getty Images)
  • In der Schlosspark-Klinik Berlin-Charlottenburg wurde der Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I und Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Fritz von Weizsäcker, bei einem Vortrag getötet.
  • Der 57 Jahre alte Angreifer konnte noch am Tatort überwältigt werden. Der Berliner Staatsanwaltschaft zufolge ist der Mann wohl psychisch krank und wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht.
  • Zahlreiche Menschen aus Wissenschaft und Politik brachten ihre Trauer über den Tod des Arztes zum Ausdruck.

Vor der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg sind am Mittwochmorgen Patienten zu Terminen unterwegs, hin und wieder sieht man einen Rettungswagen, Alltag auf einem Krankenhausgelände. Nur wenig deutet darauf hin, dass die Klinik am Abend zuvor zum Schauplatz eines Verbrechens wurde und die Mordkommission bis spät in die Nacht damit beschäftigt war, Spuren zu sichern. In einem Tagungsraum wurde der Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Gastroenterologie, Fritz von Weizsäcker, getötet. Der Professor, ein Sohn des 2015 gestorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, hielt einen Vortrag, als sich ein Zuhörer auf ihn stürzte und ihn mit einem Messer angriff. Fritz von Weizsäcker starb noch am Tatort. Er wurde 59 Jahre alt.

Der Täter ist 57 Jahre alt und deutscher Staatsbürger. Der Mann stammt aus Rheinland-Pfalz und war kein Patient, sondern einer der etwa 20 Zuhörer und Zuhörerinnen, die in die Klinik gekommen waren, um einen der kostenlosen medizinischen Vorträge zu besuchen, die es hier immer wieder gibt. An diesem Abend ging es, wie es in einer Ankündigung der Schlosspark-Klinik hieß, um "die Fettleber, eine weitgehend unbekannte, aber zunehmende Volkskrankheit". Fritz von Weizsäcker war Spezialist für Leber- und Gallenwegserkrankungen und seit 2005 Chefarzt an der Schlosspark-Klinik. Zuvor war er in Unikliniken und Forschungsinstituten in Freiburg, Harvard, Heidelberg und Zürich tätig gewesen.

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Inzwischen ist klar, warum der 57-Jährige den Arzt am Ende der Veranstaltung angriff. Der Berliner Staatsanwaltschaft zufolge hat der Mann aus einer "wahnbedingten allgemeinen Abneigung" gegen die Familie von Weizsäcker gehandelt. Er recherchierte für seine Tat im Internet und stieß dabei auf den Vortrag des Chefarzts. Er habe dann in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft und sei mit der Bahn nach Berlin gefahren, so ein Sprecher. Der Angreifer, der bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung trat, wurde psychiatrisch untersucht und auf Antrag der Staatsanwaltschaft in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. "Der Unterbringungsbeschluss wegen Mordes und wegen versuchten Mordes ist soeben antragsgemäß erlassen worden", teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwochabend bei Twitter mit. Der 57-Jährige sollte demnach noch am Mittwoch in eine nicht näher benannte Einrichtung gebracht werden. Überwältigt wurde der Mann von einem Polizisten, der den Vortrag als Privatperson besuchte. Der Beamte wurde schwer verletzt, ist aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Vertreter aus Politik und Wissenschaft zeigten sich bestürzt über die Tat. Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte der Familie. Fritz von Weizsäcker hinterlässt eine Frau und vier Kinder. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach schrieb auf Twitter, der "feige Mord" hinterlasse "uns alle ärmer". FDP-Chef Christian Lindner bekundete ebenfalls auf Twitter seine Trauer über den Tod eines Freundes. "Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben."

Die Schlosspark-Klinik legte ein Kondolenzbuch aus, in dem das Krankenhauspersonal seine Gedanken niederschreiben kann, Mitarbeiter und Teilnehmer der Veranstaltung erhalten psychologische Unterstützung. Die Berliner Universitätsklinik Charité nennt Weizsäcker in einer Stellungnahme einen "geschätzten und befreundeten Kollegen", man sei erschüttert, dass ein Arzt während eines Vortrags für Laienpublikum getötet wurde, in einem Rahmen, wie er an vielen Krankenhäusern üblich sei. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, sagt, man sei "in Gedanken bei seiner Familie, seinen Freunden und seinen Kollegen". "Eine solch grausames Gewaltverbrechen lässt uns alle mit der Frage nach dem Warum zurück."

Auch Familienmitglieder meldeten sich zu Wort. Beatrice von Weizsäcker trauerte um ihren Bruder in einem Beitrag auf Instagram. Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigte seinen Cousin als einen Menschen, den er "ungewöhnlich lieb gehabt" habe.

Fritz von Weizsäcker interessierte sich weit über sein internistisches Fachgebiet hinaus für die Medizin. Am vergangenen Freitag hatte er noch in München an einer Tagung unter dem Titel "Der optimierte Mensch" teilgenommen. Er moderierte einen Teil der interdisziplinären Veranstaltung, ergriff in der Podiumsdiskussion engagiert das Wort. In den Pausen diskutierte er ebenso lebhaft wie geistreich mit Gästen und Vortragenden über die Fantasien, den Menschen gentechnisch, neurologisch oder mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auf ein höheres Niveau zu heben. Die ethischen Herausforderungen, die damit verbunden sind, beschäftigten Fritz von Weizsäcker besonders.

"Ein feiner Mensch, freundlich und außergewöhnlich zugewandt"

Ausrichter der Tagung war die Viktor von Weizsäcker Gesellschaft, benannt nach dem Mitbegründer der psychosomatischen Medizin, einem Großonkel des Ermordeten. "Fritz von Weizsäcker war ein feiner Mensch, freundlich und außergewöhnlich zugewandt", sagt Peter Henningsen, der ihn seit vielen Jahren aus dem Vorstand der Gesellschaft kannte und selbst Chefarzt für Psychosomatik am Klinikum rechts der Isar ist. "Zudem ist er souverän mit dem Erbe seines großen Namens umgegangen." Einerseits habe Weizsäcker seine eigenen Wege verfolgt und sich konstruktiv-kritisch mit vielen Themen der modernen Medizin auseinandergesetzt. Andererseits war ihm nicht das Bedürfnis anzumerken, sich übertrieben von seiner Herkunft abzugrenzen, wie es für manche Mitglieder großer Familien typisch ist.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) machte die Gewalt zum Thema, der Ärzte, Sanitäter und auch Pflegekräfte zunehmend ausgesetzt sind. Dass Menschen, die anderen helfen, so etwas passiere, sei unerträglich, sagte sie.

Der gewaltsame Tod des Chefarzts ist nicht die erste Attacke auf einen Mediziner in Berlin. Im Sommer 2016 hatte ein Patient des Benjamin-Franklin-Klinikums der Charité in Steglitz den Arzt, bei dem er wegen einer Krebserkrankung in Behandlung war, erschossen und sich anschließend selbst getötet. Anfang 2018 wurde ein Arzt in Berlin-Marienfelde vor seiner Praxis erschossen. Vom Täter fehlt jede Spur.

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