Das Ende der SommerpauseJetzt aber schnell, bevor die Energie verpufft

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Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich am Tegernsee etwas Ruhe gegönnt – und wurde prompt dafür kritisiert.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich am Tegernsee etwas Ruhe gegönnt – und wurde prompt dafür kritisiert.
Kay Nietfeld/dpa

Aufgetankt und voll Tatendrang sind die Deutschen und ihr Kanzler aus dem Urlaub zurückgekehrt. Doch wann geht’s los mit dem „Herbst der Reformen“? Ein Blick auf das Ritual der Sommerpause dämpft die Erwartungen.

Von Martin Zips

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Nichts ist verheißungsvoller als der Neuanfang. Es muss so eine Art Tiefschlaf sein, aus der die Welt alljährlich immer gegen Ende des Sommers erwacht. Tiere mögen Winterpausen bevorzugen, der Mensch pausiert gerne sommerlich – und kehrt im Herbst voll Tatendrang zurück.

Natürlich: Vieles wiederholt sich. „Die Rückkehr eines Bundeskanzlers nach Berlin hat einen rituell-sakralen Charakter“, befand die Süddeutsche Zeitung im August 2006 in einem Artikel zum Ende der politischen Sommerpause. Allein, das hatte die Welt schon im August 2004 bemerkt: „Der Bundeskanzler, so erklärte er zum Ende der Sommerpause, will partout sein Kabinett nicht umbilden.“ Ja, gibt’s denn das? Trotz „wackeligem Thron“ und einem „Hofstaat“, der „den Aufstand probt“? (Abendzeitung, August 2001.)

Nun, bis jetzt ist nach der Sommerruhe heuer noch niemand zurückgetreten, was fast ungewöhnlich ist (Habeck, Lang/Nouripour, Platzeck verabschiedeten sich alle nach der Ruhezeit). Auch „Mon Chéri“ gibt es wieder, jetzt, da die Hitze endlich vorbei ist. An den Zapfsäulen, auch das bestätigt der Blick ins Sommerpausen-Archiv, könnte es in den kommenden Tagen zu einem „Saisoneffekt“ kommen, an Börsen und am Arbeitsmarkt womöglich zu einem „Herbstaufschwung“ (beides Münchner Merkur, Oktober 2014).

Ein Verteidigungsminister, der in der Sommerpause mit einer Gräfin im Pool planschte – man hat schon viel erlebt

Die frisch ausgebesserten Straßen und renovierten Bahnhöfe jedenfalls füllen sich wieder, auch Büros, Geschäfte und Lokale kehren zu ihren üblichen Öffnungszeiten zurück. Das Sommertheater aber zieht seinen Vorhang zu. Man hat dort in den vergangenen Jahren schon so viel Interessantes erlebt: einen deutschen Verteidigungsminister, der mit einer Gräfin lustig im Pool planschte, während die Bundeswehr einen Einsatz vorbereitete. Einen Kanzlerkandidaten, der im Flutkatastrophengebiet ausgelassen vor den Kameras lachte. Das „Sommertheater“, so heißt es schon in einem Lexikon aus dem 19. Jahrhundert, ist ein „Auswuchs der Bühne“, bei dem es oft auch um den „Beifall des niedern Publikums“ geht. Geschrieben wurde das lange vor den populistischen Trampeltieren, welche uns heute sogar ganzjährig unterhalten.

Nun starten sie wieder, die Fraktionssitzungen und Bestandsaufnahmen. Auch die Fragensteller kehren zurück: Markus Lanz am 25. August 2026: „Es gibt eine interessante Debatte in der deutschen Öffentlichkeit: Dass Friedrich Merz zu lang im Urlaub war.“ Antwort Thorsten Frei, CDU-Bundesfraktionschef: „Ich glaube, dass viele Menschen mehr Urlaub machen als er.“ Lanz, etwas später: „Es gibt doch auch am Tegernsee Kameras. Wieso hat er die nicht genutzt?“ Am Tegernsee? Kameras? Werden wir ausspioniert?

Auf Wikipedia gibt es nicht einmal einen englischen Eintrag zum Begriff „Sommerpause“

Die große Kraft jedenfalls, welche dem Menschen gerade jetzt wieder, am Ende seines herrlich entspannten Urlaubs, zur Verfügung steht, gilt es gut zu nutzen! Mögen im Frühjahr auch die Bäume ausschlagen, nun beginnt – vielleicht – der „Herbst der Reformen“ (den die FAZ schon im Oktober 2003 heraufbeschwörte). Doch dumm, denn auch ein „Herbst der Entscheidungen“ (eine Variante im Handelsblatt, im November 2010) wird nicht immer und von allen „als gelungene Offensive wahrgenommen“ (ebenda). Was also ist zu tun?

Wahrscheinlich muss man es einfach positiv sehen. Denn nichts nach der Sommerpause wäre schlimmer als ein „Mangel an packenden Themen ..., mit denen die Republik aus ihrem Trott zu reißen wäre“ (Financial Times Deutschland, August 2007). Und an solchen Themen mangelt es gerade wirklich nicht, kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Aber auch der Wähler, um kurz noch literarisch zu werden, ist und bleibt eben eine „Noiseband“ (Clemens J. Setz) und liebt vielleicht sogar das „Fiasko“ (Tony Tulathimutte). Und der „Summer Wind“, das wusste schon Frank Sinatra, ist letztlich ja auch nur so ein „fickle friend“, ein flatterhafter Geist.

Starten wir also möglichst kraftvoll in den September, bevor die Energie verpufft. Denn noch gibt es Hoffnung! Und interessant: Die „Sommerpause“ muss etwas sehr Deutsches sein. Auf Wikipedia gibt es nicht einmal einen englischen Eintrag zu dem Begriff. Das hier jedenfalls sollte jedem klar sein: Ein Ende der Sommerpause wird vor allem von Eishockey-Fans „stets herbeigesehnt“ (Straubinger Tagblatt, Februar 2017). So betrachtet ist auch der Winter nichts anderes als eine etwas längere Sommerpause. Und der geht sicher auch vorüber.

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