Süddeutsche Zeitung

Freude über Obama-Sieg bei der US-Wahl:Jubel, Trubel, Kitschigkeit

Wie freut sich einer, der weitere vier Jahre der mächtigste Mann der Welt sein und im Weißen Haus residieren darf? Mit Jubelschreien und Freudensprüngen? Weit gefehlt: Barack Obama, der alte und neue US-Präsident, zeigt sich introvertiert und nachdenklich. Dafür feiern seine Fans umso frenetischer - und frecher.

Er mit seinen hochfliegenden Visionen, seiner Bodenständigkeit, seiner Selbstironie. Sie mit ihrer herzlichen, zupackenden Art. Barack und Michelle Obama können die Massen begeistern und bewegen. Im Moment des Triumphs aber präsentiert sich das sonst so extrovertierte Yes-we-can-Paar ungewohnt zurückgezogen und nachdenklich.

"Four more years" - vier weitere Jahre, diese drei Worte erscheinen um 5:16 Uhr deutscher Zeit auf dem Twitter-Profil des Teams Obama/Biden. Angehängt ist ein Foto des alten und neuen Präsidentenpaares: Barack umarmt Michelle vor wolkenverhangenem Himmel. Seine Augen sind geschlossen, um seine Lippen spielt ein Lächeln, erleichtert und erschöpft zugleich. Sie hat der Kamera den Rücken zugewandt - der Beobachter kann nur mutmaßen, dass das Mienenspiel der First Lady dem ihres Mannes ähnelt.

Die Symbolik der Aufnahme ist so bestechend - von den grauen Wolken für all die Schwierigkeiten und Rückschläge, die es zu überwinden galt, bis zur Demut und Dankbarkeit, die aus der Mimik des Präsidenten herauszulesen ist -, dass die Bildauswahl nicht zufällig, sondern vermutlich wohlkalkuliert ist. Schließlich postet hier nicht der Privatmann Obama, sondern der Politiker, und das ähnlich engagiert, aber eben auch ergebnisorientiert, wie er meist in der Öffentlichkeit agiert. Auf knapp 500.000 Retweets innerhalb weniger Stunden kommt der präsidiale Eintrag dann auch. Rekord.

Die Nacht der Polit-Romantik

Die Intimität des Bildes wird dadurch verstärkt, dass der Tweet einer von dreien ist, die innerhalb weniger Minuten gepostet und mutmaßlich von Obama selbst verfasst wurden. Der erste richtet sich an jene Amerikaner, die für den demokratischen Kandidaten abgestimmt haben: "Das wurde durch euch möglich. Danke." Der zweite geht an alle Unterstützer: "Wir stehen alle zusammen. So haben wir Wahlkampf gemacht, und so sind wir. Danke." Gezeichnet ist die virtuelle Verbeugung an seine Helfer mit "-bo", dem Kürzel des Präsidenten.

Dann folgt der letzte Post, der sich direkt an Michelle Obama zu wenden scheint. In einem Wahlkampf, in dem es zuletzt verstärkt auch darum ging, Familienwerte zu vermitteln und die Wähler über Emotionen an die Urne zu bringen, war sie Barack Obamas Trumpf. So bleibt das obligatorische "Thank you" diesmal zwar unausgesprochen, doch das angehängte Bild vermittelt der First Lady - und allen Betrachtern - mehr als es Worte könnten.

Ohnehin ist dies nicht die Nacht der Rhetorik, sondern der Polit-Romantik. Die US-Sender zeigen mitreißende Bilder, von ausgelassen feiernden und Fähnchen schwingenden Menschen am Times Square, und in der Chicagoer Wahlkampfzentrale von Obama sowieso. Da werden selbst seriöse und zynische Nachrichtenmoderatoren zu Idealisten.

Sprachloser Promi

Eine Idealistin ist auch Lady Gaga, Popsängerin mit politischer Agenda, die sich gerne in bizarre Kostüme wirft. Die Musikerin ist nach Verkündung der erfolgreichen Wiederwahl Obamas so außer sich, dass ihr das Sprachvermögen abhanden zu kommen scheint. "AAAAAAAAAAAAAHHHHHRHRGRGRGRRRGURBHJBEORWPSOJWPJORGWOIRGWSGODEWPGOHEPW09GJEDPOKSD!!!!!!!!!!!!!!!0924QU8T63095JRGHWPE09UJ0PWHRGW", twittert sie zunächst. Um ihre Euphorie kurz darauf in weniger kryptische Form zu packen: "Herzlichen Glückwunsch, Mr. President. Wir sind heute Nacht so stolz darauf, Amerikaner zu sein! YES!!! YES! YES!!" Dann gratuliert sie noch Colorado zur Legalisierung von Cannabis - und der Politikerin Tammy Baldwin aus Wisconsin dafür, "zur ersten offen homosexuellen Senatorin in der Geschichte der Vereinigten Staaten" gewählt worden zu sein.

Katy Perry, ebenfalls Popsängerin, ebenfalls politisch engagiert im Team Obama, verkündet wenige Minuten nach Bekanntgabe des Siegers via Twitter: "DONE AND DUSTED!!!", was übersetzt etwa so viel heißt wie: Job erledigt. Die 28-Jährige hatte sich zuletzt sogar als Wahlkarte verkleidet, um möglichst viele Fans zur Abstimmung zu bewegen.

Bisweilen schlägt der Jubel der Obama-Anhänger in Häme um. So twittert Hollywoodstar Whoopi Goldberg in Richtung des unterlegenen Mitt Romney: "Wir Amerikaner haben Arbeit & wir haben keine Zeit für Schwachsinn & wir haben keine Zeit für deinen Schwachsinn. Präsident Obama hat gewonnen." Und selbst Chris Christie, Gouverneur des von Sturm Sandy schwer getroffenen Bundesstaates New Jersey, kann sich einen Seitenhieb auf seinen Parteifreund und Wahlverlierer nicht verkneifen: "Meine lieben Republikaner", schreibt er, "wir können jetzt aufhören, so zu tun, als würden wir Mit Romney mögen. Hallelujah."

Ob unter @GovChristieNJ der tatsächliche Chris Christie twittert, scheint zwar fraglich - lustig sind die Posts allemal. "Whew, ich bin so erleichtert, dass Fox News jetzt Schwarze, Latinos und Frauen für die Romney-Niederlage verantwortlich macht, und nicht mich", lautet ein Eintrag. Der reale Gouverneur hatte sich zuletzt positiv über Obamas Krisenmanagement während des Hurrikans geäußert und damit die Kritik seiner Partei - und ihr nahestehender Medien - auf sich gezogen.

"I don't wanna be an American idiot"

Bei den deutschen TV-Sendern, die die Entscheidung in den USA fast alle live begleiten, sind die Sympathien klar einseitig verteilt. So wartet etwa das Sat-1-Frühstücksfernsehen nicht nur mit opulent-kitschiger Amerika-Deko auf: Fähnchen im Studio, auch hinter dem Sendungslogo weht die Flagge - und selbst Showhund Lotte, eine stattliche Englische Bulldogge, wurde in einen Stars-&-Stripes-Body gezwängt.

Als klar ist, dass Barack Obama die Wahl gewonnen hat, spielt die Band im Studio den Green-Day-Song "American Idiot". Darin heißt es: "I don't wanna be an American idiot." Ob das wohl eine Anspielung auf den Verlierer sein soll?

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