Süddeutsche Zeitung

Studie:Was die Deutschen in ihrer Freizeit tun

Mehr Internet, mehr Spaziergänge: Das sind in der Pandemie die Ergebnisse des Freizeit-Monitors. Doch was die Menschen tun, deckt sich nicht immer mit dem, was sie am liebsten machen.

Von Alexander Menden

Mal schnell mit Freunden weggehen, sich spontan zum Grillen verabreden, ein Fußballspiel des örtlichen Vereins besuchen - all diese früher selbstverständlichen Dinge wandelten sich in der Corona-Pandemie zu etwas, das zeitweise entweder unmöglich oder nur unter strikten Auflagen und mit viel Planung denkbar war. Die Begriffe der Freizeit und Freizeitgestaltung haben eine deutliche Wandlung erfahren. Zudem flossen Arbeits- und Freizeitphasen mehr ineinander als je zuvor, weil alles in denselben Räumen stattfand: zu Hause.

All das sollte man im Kopf behalten, bevor man angesichts der jüngsten Daten zum Freizeitverhalten der Deutschen die Hände über selbigem zusammenschlägt. Alljährlich befragt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), ein Nürnberger Marktforschungsinstitut, im Auftrag der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen mehr als 3000 Menschen zwischen 18 und 74 Jahren zu ihrem Freizeitverhalten. In diesem Jahr liegt in allen Altersgruppen, von jungen Erwachsenen bis Ruheständlern, egal ob ledig oder verheiratet, die Internetnutzung auf Rang eins der Freizeitbeschäftigungen. 97 Prozent der Befragten nutzen das Internet regelmäßig, das heißt mindestens einmal pro Woche.

Auch alle anderen Aktivitäten, die Spitzenplätze belegen, haben überwiegend mit Internet- oder elektronischer Mediennutzung zu tun. Während bei den Jüngeren die Smartphone-Nutzung hoch im Kurs steht, rangiert bei Älteren das gute alte Fernsehen weit vorne. Viele Kategorien überschneiden sich auch - "E-Mails lesen" und "PC/Laptop nutzen" wirken eher wie Unterkategorien der Internetnutzug denn als separate Beschäftigungen. Wer sich nun aber in kulturpessimistischen Ahnungen bestätigt sieht, das Internet sei der endgültige Untergang körperlicher Aktivität, dürfte seine Befürchtungen durch einen Blick in die Historie ein wenig relativiert finden: Eine außerhäusliche Aktivität, der - auch nicht eben sportliche - Theaterbesuch, lag zuletzt im Jahre 1963 ganz vorne.

Bei der nicht ans Haus gebundenen Freizeitgestaltung hat nur der Spaziergang profitiert

Die große Verschiebung fand bereits 2020 statt. Da verdoppelten sich im Vergleich zur Zeit vor Corona die Aktivitäten, die ins Wohnzimmer passen - neben Netflix und Chillen wurden auch "künstlerische Betätigungen" und "Gesellschaftsspiele" als etwas angeführt, das mindestens einmal die Woche geschah.

Im Zweijahresvergleich zwischen 2019 und 2021 sind die Gewinner wenig überraschend - hier haben wieder vor allem Online-Aktivitäten zugelegt; nur "Faulenzen/Nichtstun" (plus 13 Prozent) und "Sich mit der Familie treffen" (plus acht Prozent) sind analog. Bei den Verlierern lassen sich "Kneipen- und Barbesuche" (minus fünf Prozent) oder "mit den Enkeln/Großeltern treffen" (minus sieben Prozent) durch Corona noch leicht erklären.

Einiges wirkt geradezu kontraintuitiv: "Sich in Ruhe pflegen" fiel seit 2019 von 59 auf 34, "Zeitung lesen" von 66 auf 44 Prozent. Beides Dinge, denen man doch gerade im Lockdown mit besonderer Ausgiebigkeit hätten frönen können. Bei der nicht ans Haus gebundenen Freizeitgestaltung hat nur der Spaziergang profitiert (eine Steigerung von 38 auf 55 Prozent).

Weit klaffen Wunsch und Wirklichkeit bei Konzertbesuchen und Wochenendausfahrten auseinander

Was die Menschen machen, deckt sich übrigens keineswegs immer mit dem, was sie am liebsten machen würden: "Zeit mit dem Partner verbringen", "in der Natur aufhalten" und "Ausschlafen" würden viele der Befragten gerne deutlich häufiger genießen, als es ihnen vergönnt ist. Eine der krassesten Diskrepanzen weist die Kategorie "Wochenendausfahrt" auf: Zwei Prozent machen regelmäßig eine, 68 Prozent würden gerne. Ähnlich weit klaffen Wunsch und Wirklichkeit nur beim Besuch von Rock- und Popkonzerten auseinander (ein Prozent zu 60 Prozent). Besonders ungern verbringen die Deutschen der Umfrage zufolge ihre Freizeit bei virtuellen Events, in der Kirche, bei der Pflege von Angehörigen oder in der Spielhalle. Obwohl die Initiative von einer Tabakfirma gesponsert wird, kommt übrigens erfreulicherweise Rauchen nirgends als Freizeitbeschäftigung vor.

Interessante Unterschiede ergeben sich schließlich bei der Betrachtung der vielleicht ältesten Freizeitbeschäftigung überhaupt: Sex. Bei den jungen Erwachsenen schafft er es nicht mal in die Top Ten der Aktivitäten, denen sie am liebsten nachgingen, wenn sie es sich aussuchen könnten. Das haben sie mit den Ruheständlern am anderen Ende des Altersspektrums gemein. Bei Paaren hingegen landet der Sex auf Platz eins, bei Ledigen und Familien auf Platz zwei und bei Jungsenioren immerhin noch auf Rang vier.

Auch zwischen den Geschlechtern gibt es Unterschiede: Unter den Befragten gaben 57 der Männer an, Sex mache ihnen "viel Spaß", aber nur 43 Prozent der Frauen. Exakt umgekehrt ist das Verhältnis in der Kategorie "ins Musical gehen", hier liegen die Frauen mit 57 zu 43 Prozent vorne.

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