Freizeit:Dampf unter

Lesezeit: 3 min

Ein Modell der Dampflokomotive „Der Rhein“, die vor langer Zeit auch ebendort gelandet ist. (Foto: Verena Kutscher (SWR)/dpa)

Ein pensionierter Lokführer möchte im Oktober eine vor 166 Jahren im Rhein versunkene Lok bergen. Egal, was es kostet. Nur: Liegt sie auch wirklich dort, wo er sie vermutet?

Von Susanne Höll, Mainz

Die wenigsten Menschen können sich Lebensträume in jungen Jahren erfüllen, bei ganz vielen klappt es nie. Horst Müller, pensionierter Bundesbahnbeamter aus Cochem an der Mosel und inzwischen 68 Jahre alt, hofft darauf, dass sein größter Wunsch am 21. Oktober in Erfüllung geht. An dem Sonntag nämlich soll aus dem Rhein bei Germersheim eine unbekannte größere Gerätschaft geborgen werden. Müller, ein rundlicher Mann mit Brille und weißem Schnurrbart, ist fest davon überzeugt, dass es das Objekt seiner Sehnsucht sein muss: die Dampflok Der Rhein, die 1852 in Karlsruhe gebaut wurde, in Düsseldorf Dienst tun sollte und beim Transport mit einem Lastschiff auf dem Rhein über Bord kippte und seither verschollen ist.

Müller ist ein Eisenbahnfan, ach was, ein Eisenbahnverrückter. Schon als Kind sammelte er alles, was mit Bahndingen zu tun hat. Aus dem Buch "Zauber der Schiene" erfuhr er vom Schicksal der versunkenen Rhein. Die Geschichte fesselte ihn als Kind. Später machte er sich auf die Suche nach dem Dampfross, sechs Meter lang, 20 Tonnen schwer. Er studierte alte Rhein-Karten, gewann Mitstreiter, malte sorgsam zwei Schatzsucherkarten auf, die aber nicht zum Ziel führten. Eine dritte schließlich war erfolgreich. Die alte Lok liegt, daran glaubt er, an der Rheinbuhne 527 in Rheinland-Pfalz, sieben Meter unter dem Flussbett, vergraben in Kies und Schlamm. Wissenschaftliche Messungen des Freiberger Geophysikers Professor Bernhard Forkmann bestätigen, dass in der Tiefe ein Objekt liegt, das in Ausmaß und Gewicht tatsächlich der Lok entsprechen könnte. "Der magnetische Fußabdruck passt zu einem 20 Tonnen schweren Eisenkörper", sagt der Experte bei der Vorstellung des Projekts in Mainz.

Natürlich, es gibt auch andere schwere eherne Gerätschaften, die im Fluss gelandet sein könnten. Ein abgestürztes Flugzeug aus dem Weltkrieg etwa, ein Panzer der Amerikaner oder der Wehrmacht vielleicht. Egal, Müller hat inzwischen so viele eingefleischte Eisenbahnfans für sein Projekt begeistern können, unter ihnen auch einen Redakteur des SWR, dass das unbekannte Flussobjekt nun ans Licht geholt werden soll.

Billig ist die Bergung nicht, mindestens eine halbe Million ist fällig

Ein Flussbauspezialist aus Baden-Württemberg wird in den späten Oktobertagen mit schwerem Material zur Buhne 527 kommen. Bei laufendem Schiffsverkehr wird dann tief gebuddelt. Spundwände werden gezogen, tonnenweise Kies und Schlamm entfernt, Taucher sind im Einsatz, auch der SWR. Der will die Bergung am 21. Oktober live übertragen und schon vorher in den Radio- und TV-Programmen sowie im Internet die Herzen der Zuschauer für das Abenteuer Rhein gewinnen. Billig ist die Aktion natürlich nicht. Eine halbe Million Euro dürfte das schon kosten, sagt Tobias Bartenbach, Chef einer Mainzer Kommunikationsagentur, die das Projekt koordiniert und Werbung dafür macht. So viel Geld hat der pensionierte Lokführer Müller natürlich nicht, auch seine Freunde vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein müssen bei solchen Summen passen. Einige Sponsoren sind zwar schon gefunden, 100 000 Euro steuerten sie bislang bei. Den Rest soll ein Crowdfunding, eine Sammelaktion im Netz, einbringen. Und wenn das nicht klappt? Dann werde trotzdem geborgen, verspricht Bartenbach, was immer auch dort im Kies vergraben liege. Er hat sich bereit erklärt, notfalls selbst die dann noch fehlenden Beträge zu übernehmen.

Sollte es tatsächlich Der Rhein sein, nicht rostzerfressen und zerbrochen, sondern in einigermaßen vernünftigem Zustand, wird die dann älteste erhaltene Lok Deutschlands restauriert und kommt nach Kranichstein ins Museum. Für 20 Jahre, so hat es das Land Rheinland-Pfalz versprochen, dürfte die Dampfmaschine dort, in Hessen, ausgestellt werden. Das derzeit älteste Modell ist eine württembergische T3-Dampflok aus dem Jahr 1891.

Und wenn es doch ein Panzer ist, ein Flugzeug oder was auch immer, das, wenn alles klappt und kein Hochwasser oder Unwetter herrscht, am vorletzten Oktobersonntag aus dem Wasser gezogen wird? Müllers Lebenstraum wäre geplatzt. An die Möglichkeit einer für ihn sicher katastrophalen Enttäuschung will der Mann aus Cochem jedoch keinen einzigen Gedanken verschwenden.

Mit großer Ausdauer und Zähigkeit hat er Jahre über Jahre versucht, seine Leidenschaft zu einem glücklichen Ende zu führen. Ein Scheitern ist in Müllers Plan nicht vorgesehen. Ziemlich verwundert reagiert er auf die Frage, ob er sich denn wirklich gewiss sei bei dieser ungewöhnlichen Fluss-Expedition, so, als wolle man wissen, ob auch am Freitagmorgen über dem Rhein wieder die Sonne aufgeht. Er macht einen spitzen Mund und antwortet ebenso ruhig wie knapp: "Nein. Das ist nichts anderes. Es ist die Lok."

© SZ vom 13.04.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: